#009: Kulturlandschaft: Almen, Mauern, Geschichten
Shownotes
Gäste & Stimmen • Andreas Rauchegger (Kulturhistoriker) • Georg Granig (Ranger Nationalpark Hohe Tauern & Landwirt) • Thomas Steiner (Gebietsbetreuung, Nationalparkverwaltung Tirol & Landwirt) • Stefan Lerch (Naturraummanagement Nationalparkverwaltung Salzburg)
Themen der Folge
Was ist Kulturlandschaft im Nationalpark Hohe Tauern?
• Vom Menschen geprägte Landschaft • Kombination aus Naturraum und jahrhundertelanger Nutzung • Besonderheit der Hohen Tauern im Vergleich zu anderen Schutzgebieten Historische Entwicklung • Besiedlung ab ca. 1000 n. Chr. • Rodungen, Almwirtschaft und Ackerbau • Enge Verbindung zwischen Landwirtschaft und Bergbau Kulturlandschaftselemente • Almhütten, Wege, Trockensteinmauern • Zäune (z. B. Girschtenzäune) • Wegkreuze und sakrale Zeichen • Historische Transporttechniken wie Heudrähte Ökologische Bedeutung • Artenreiche Trockenwiesen durch Beweidung • Lebensräume für Insekten, Reptilien und Pflanzen • Pufferfunktion zwischen Kernzone und Nutzung
Traditionelles Handwerk • Trockensteinmauern bauen • Holzverarbeitung für Zäune und Hütten • Weitergabe von Wissen über Generationen Gesellschaft & Kultur • Gemeinschaftsarbeit statt Individualismus • Almordnungen und historische Regeln • Kulturlandschaft als generationsübergreifendes Projekt Ästhetik & Tourismus • Landschaft als Sehnsuchtsort • Einfluss der Kunstgeschichte auf unsere Wahrnehmung • Bedeutung für Gäste und regionale Identität Herausforderungen heute • Rückgang traditioneller Nutzung • Erhalt durch Förderprogramme • Bewusstseinsbildung bei Eigentümer:innen
🌱 Kernaussage Die Kulturlandschaft der Hohen Tauern ist ein lebendiges Erbe – entstanden durch harte Arbeit, erhalten durch Pflege und entscheidend für Biodiversität, Identität und Tourismus.
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00:00:01: ,400 [Andreas Rauchegger (Gast)] Es war ein unglaublicher Akt, den Bäuerinnen und Bauern mit ihren Kindern geliefert haben und nicht die staatliche Obrigkeit, die das organisiert hat, sondern es ist tatsächlich das Werk schaffender Hände.
00:00:15: ,560 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] "Aufgehorcht", der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.
00:00:27: ,780 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wenn wir über den Nationalpark Hohe Tauern reden, dann tauchen immer wieder zwei Begriffe auf: Die Kulturlandschaft und die Naturlandschaft. Christine Brugger begrüßt zur aktuellen "Aufgehorcht"-Folge, in der wir der Entstehung und Pflege der Kulturlandschaft nachgehen. Der Kulturhistoriker Andreas Rauchegger liefert den wissenschaftlichen Kontext. Georg GraniG ist Ranger und Bauer, kennt also die ökologische und landwirtschaftliche Bedeutung der Kulturlandschaft. Stefan Lerch ist zuständig für Naturraummanagement im Salzburger Teil des Nationalparks und Thomas Steiner von der Nationalparkverwaltung in Tirol leitet ein Projekt zum Erhalt der Kulturlandschaftselemente im Nationalpark Hohe Tauern. Von ihm möchte ich wissen: Was verstehen wir eigentlich unter Kulturlandschaft?
00:01:24: ,800 [Thomas Steiner (Gast)] Der Nationalpark Hohe Tauern hat sicherlich einmal sensationelle Naturlandschaften. Für das ist er bekannt. Die sind in der Kernzone beheimatet, sind unter besonderen Schutz gestellt. Aber ich glaube, eine ganz, ganz große Besonderheit in den Hohen Tauern ist, dass wir sehr viel jahrhundertelange Kulturlandschaft auch da drin haben. Das ist gerade in den Hohen Tauern, glaube ich, eine Besonderheit, die uns von vielen anderen Schutzgebieten auch unterscheidet, dass wir diese Kulturlandschaft fördern, diese Kulturlandschaft erhalten wollen.
00:01:59: ,800 [Christine Brugger (Moderatorin)] Kulturlandschaft bedeutet vom Menschen durch den Menschen geprägt.
00:02:04: ,000 [Thomas Steiner (Gast)] Und das in der vielfältigsten Form, also vom Agrarbereich, also vom bäuerlichen Bereich her über den historischen Bergbau, finden sich überall Spuren menschlicher Prägung in den Hohen Tauern, wie diese Kulturlandschaft, äh, durch den menschlichen Einfluss entstanden ist.
00:02:23: ,400 [Christine Brugger (Moderatorin)] Diese Spuren finden sich in den sogenannten Kulturlandschaftselementen. Was wären Beispiele dafür?
00:02:29: ,120 [Thomas Steiner (Gast)] Ja, das, was uns einmal am ehesten auffällt, sind wahrscheinlich die Gebäude, die Almhütten, die Almställe, aber nachher geht es weiter auch mit den verschiedensten Zaunarten, mit Trockensteinmauern, natürlich auch die ganzen Wege, Steige, Passübergänge, äh, über die Hohen Tauern zum Beispiel, Feldkreuze. Also es gibt sehr, sehr viele historische Zeugen, wo dieser menschliche Einfluss auch dargestellt ist.
00:02:57: ,799 [Christine Brugger (Moderatorin)] Der Nationalpark Hohe Tauern befasst sich in einem eigenen Projekt mit der Erhebung dieser Kulturlandschaftselemente. Warum ist euch das wichtig?
00:03:08: ,240 [Thomas Steiner (Gast)] Das ist uns vor allem deshalb wichtig, weil wir fest der Meinung sind, dass gerade die Hohen Tauern noch sehr viel historische Kulturlandschaftselemente haben, die aber natürlich auch im Verschwinden sind. Und uns war es einmal wichtig, die einmal zu erheben, die einmal zu inventarisieren, einfach einmal zu schauen, was wir noch haben. Aber was uns begleitend ganz, ganz wichtig ist auch, dass wir da ein Bewusstsein schaffen wollen bei den Besitzern, bei den Almbauern, bei den Grundeigentümern, dass das einen gewissen Wert hat. Und was wir auch, äh, machen, dass wir dieses historische Handwerk, das, glaube ich, in den Hohen Tauern noch sehr, sehr verbreitet ist, dass wir auch da Akzente setzen wollen. Zum Beispiel machen wir heuer wieder ein Seminar zum Trockensteinmauern, das sehr, sehr gut ausgebucht ist immer. Also wir wollen auch praktisch, äh, diese Kulturlandschaftselemente ins Leben rufen, dass wir da doch den einen oder anderen begeistern, diese Elemente zu erhalten und in die Zukunft zu transferieren.
00:04:18: ,820 [Christine Brugger (Moderatorin)] In diesem Projekt forscht Andreas Rauchegger sowohl im historischen als auch im gesellschaftlichen Kontext. Wann begann eigentlich die Besiedlung der Almen und damit die Entstehung dieser Landschaft, wie wir sie heute in der Außenzone des Nationalparks finden?
00:04:38: ,960 [Andreas Rauchegger (Gast)] Bald nach 1000 mit Bevölkerungszunahme hat die inneralpine Landnahme begonnen. Das heißt, man hat in den abgelegenen Tälern, die noch Almgebiete waren, begonnen zu roden und der Mensch hat sozusagen sich seine zweite Natur erschaffen, indem er den Alpenraum langfristig besiedelt hat und er musste auch dafür sorgen, dass er vor Ort leben kann. Und deswegen war es notwendig, die Weidewirtschaft auszudehnen, auch den Ackerbau. Und dafür hat er Fluren benötigt, hat er Ackerböden benötigt und so weiter. Das ist ein Prozess, der sich über Jahrhunderte erstreckt hat und dessen Folge ist unsere sehr vielfältig gegliederte Kulturlandschaft. Und die Kulturlandschaft bezieht eben auch die Almgebiete mit ein. Die waren absolut lebensnotwendig, weil mit steigendem Bevölkerungsdruck mussten die Fluren im Tal vermehrt für den Ackerbau verwendet werden und die Heugewinnung in den Almgebieten war dann essenziell, um das Vieh durch den Winter bringen zu können.
00:05:40: ,040 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bedeutet das konkret für die Hohen Tauern und den Nationalpark?
00:05:46: ,068 [Andreas Rauchegger (Gast)] Je nachdem, welche Möglichkeiten topografischer und geographischer Natur es gibt, hat der Mensch seinen Erfindergeist und seine Kreativität genutzt, um diese Täler nutzbar zu machen und dafür ein riesiges Sammelsurium an Geräten und technischen Fertigkeiten entwickelt. Und wenn wir jetzt auf das Kalser Dorfertal gehen, auf die jüngere Zeit, da haben die sogenannten Heudrähte eine wichtige Rolle gespielt. Das muss man sich vorstellen als Materialseilbahnen und da wird das Heu zu Tal geschossen. Geschossen also im Sinne des Wortes. Und natürlich hat es das auch in anderen Tälern gegeben, aber die Besonderheit am Kalser Dorfertal ist, dass wir hier auf einer Strecke von sieben Kilometern ungefähr fünfzehn solcher Heudrähte noch lokalisieren konnten, indem wir Interviews mit den Überlieferungsträgerinnen und Trägern gemacht haben und diese dann auch verortet haben. Das war eigentlich eine unglaubliche Leistung. Wir reden hier von den 1930er Jahren bis zu den 1960er Jahren, als sie dann destruiert wurden, denn der längste dieser Drähte hatte achthundert Meter.
00:06:51: ,828 [Christine Brugger (Moderatorin)] Nun kenne ich die steilen und felsdurchsetzten Hänge im Dorfertal und frage mich gerade, wie und wo man solche Drähte überhaupt fixieren konnte.
00:07:01: ,848 [Andreas Rauchegger (Gast)] Wir sind dann eben den Zeitzeugenberichten auch nachgegangen und haben solche Ankerpunkte im steilsten Gelände gefunden. Teilweise hatte man eine Terrasse unter Sturzblöcken dazugebaut und dann hat man das Heu in Bündel zusammengeschnürt und einfach über einen Haken runterschießen lassen bis ins Tal. Und solchen Besonderheiten sind wir auf der Spur.
00:07:24: ,128 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was waren die Voraussetzungen, damit überhaupt Wald gerodet werden konnte, Wiesen angelegt werden konnten? Welche Werkzeuge, welche Fertigkeiten haben die Menschen gebraucht?
00:07:38: ,588 [Andreas Rauchegger (Gast)] Da darf ich vielleicht weiter ausholen. Wir sprechen hier metaphorisch von einem metallurgischen Kreislauf. Das heißt, es spielte Bergbau eine wichtige Rolle. Die Erze wurden abgebaut, beispielsweise im Defereggental, im Virgental, aber auch in Mattrei. Und das waren dann Eisen- oder Kupfererze. Die wurden verhüttet. Geliefert wurden sie auf Erzstraßen und es entstand ein großes Geflecht, auf welchen sich Säumer bewegten, um auch die regionalen Schmiede mit dem Rohmaterial zu versorgen. Und die Dorfschmiede waren eben für den Erhalt dieser Kulturlandschaft unersetzlich, weil sie haben ja das Gerät hergestellt, mit welchem dann wieder gemäht werden musste. Vor allem den Klingen kommt eine Hauptbedeutung zu, das ist Sensd und Sichel, aber auch die Geräte für den Bergbau, in erster Linie Schlegel und Eisen, sind auch Geräte, die der Dorfschmied gefertigt hat und die dann ausgegeben wurden. Einerseits hat man mit Schlegel und Eisen Almgebiete auch umgegraben. Es hat eine Koexistenz von Almvolk und Knappen gegeben. Der Bergbau in jenen Orten wäre nicht möglich gewesen ohne die Versorgung durch die Almgebiete mit Milchprodukten und so weiter. Und Bauern haben sich dann als Säumer beispielsweise auch ein Zubrot verdienen können, indem sie die Erze auf dem Sackzug zu Tal gebracht haben.
00:08:57: ,788 [Christine Brugger (Moderatorin)] Soweit das Material und die Werkzeuge, bleiben noch die Menschen. Welche gesellschaftlichen Voraussetzungen hat es damals gegeben?
00:09:07: ,358 [Andreas Rauchegger (Gast)] Das war generationenübergreifende Arbeit und das ist die Besonderheit von traditionellen Bauerngesellschaften, dass das Individuum immer im Dienst der Gemeinschaft stand, also nicht im Sinne der Ich-AG, wie es heute ist, sondern man musste für die Gemeinschaft arbeiten und man hat gewusst, was unsere Generation schafft, muss die nächste nicht mehr leisten. Und die große Herausforderung war ja immer, diese Kulturlandschaft in Gang zu halten. Wenn sie nicht alle Jahre reproduziert wird, wenn nicht alle Jahre gemäht wird, wenn nicht die Wege repariert werden, um in die Almgebiete zu kommen, dann fällt dieser Lebensraum relativ schnell zusammen. Und sehr früh haben sich dann eben auch Regeln entwickelt, die teilweise mündlich überliefert wurden, aber dann auch verschriftlicht, wie nun dieses gewonnene Land zu nutzen ist. Und das sind beispielsweise auch die Almordnungen, Reglementierungen, damit ein gemeinsames Miteinander und eine gemeinsame nachhaltige Bewirtschaftung möglich ist. Auf der anderen Seite kann man dazu sagen, dass sich in der heutigen Zeit diese Landschaft so nicht mehr herausbilden würde, weil man sie nicht mehr benötigt.
00:10:14: ,348 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Almordnungen, die Wegerechte, die, ähm, Schürfrechte, alles das ist ja schon seit dem Mittelalter festgeschrieben. Inwieweit haben diese Quellen eine Rolle für das Projekt gespielt?
00:10:29: ,188 [Andreas Rauchegger (Gast)] Sie spielen natürlich eine sehr wichtige Rolle und wir bezeichnen das als literarische Fernerkundung. Das ist die ganze Arbeit mit Archiven, mit Zeitungsartikeln, mit Zeitzeugeninterviews. Und da versuchen wir eben, uns auf die Spur zu begeben nach diesen historischen Gegebenheiten. Ein wichtiger Fundus sind die alten Grenzziehungsprotokolle. Daraus geht beispielsweise hervor, auf welchen Gipfeln oder auf welchen Jöchern, in welchen Almen man war und wo man eben auch Vermessungszeichen, Triangulationspunkte angebracht hat. Auch anthropogene Spuren, die uns interessieren, unabhängig vom bäuerlichen Leben.
00:11:09: ,818 [Christine Brugger (Moderatorin)] Abgesehen von Spuren landwirtschaftlicher Nutzung finden wir in der Kulturlandschaft auch sakrale Elemente, Bildstöcke und Wegkreuze bis hinauf zu den Gipfelkreuzen. Welche Geschichten erzählen sie uns?
00:11:24: ,688 [Andreas Rauchegger (Gast)] Mit vielen dieser Kreuze verbinden sich ja Ereignisse von Lawinenkatastrophen oder es sind Formen von Votivgaben. Und beispielsweise steht am Kalser Tauern ein Doppelherrgott. Einer schaut in das Salzburger Land und einer nach Osttirol. Und früher war es eben so, dass derjenige, der ins Salzburger Land schaute, größer war. Aus dem Grund, weil Salzburg größer ist. Und ein Bildhauer aus Salzburg hat sich um diesen Doppelherrgott gekümmert, hat ihn auch geschnitzt und ihn eigentlich bis an sein Lebensende betreut. Und unsere Aufgabe war nun zu schauen, gibt es Vorfahren dieses Jochkreuzes. Und die haben wir dann tatsächlich in historischen Zeitschriften und mit Interviews gefunden und konnten so eigentlich eine hundertfünfzigjährige Geschichte immerhin rekonstruieren von einem einfachen
00:12:16: ,940 [Andreas Rauchegger (Gast)] Bildstock, der errichtet wurde, weil mehrere Leute zu Tode gekommen sind am Kalser Tauern. Später entstand dann ein sehr einfacher Doppelherrgott, bis dann eben der Salzburger Bildhauer zwei schöne große Kruzifixe angefertigt hat und diese hat man dann später noch überdacht und in diesem Sinne geschützt.
00:12:43: ,120 [Christine Brugger (Moderatorin)] Zurück in die Jetzt-Zeit. Der Nationalparkranger Georg Granig ist mit Besuchergruppen im Kärntner Teil des Nationalparks Hohe Tauern unterwegs und erklärt den Gästen, dass die Kulturlandschaft in der Außenzone eine wichtige Pufferfunktion hat, um die Einflüsse auf die streng geschützte Naturlandschaft in der Kernzone des Schutzgebietes quasi abzupuffern.
00:13:09: ,460 [Georg Granig (Gast)] Na ja, das ist im Nationalpark Hohe Tauern eben ein bisschen speziell. Die Außenzone ist eben eine Besonderheit, weil durch die Almwirtschaft ist bei uns eben die Waldgrenze nach unten gedrückt worden und da hat man sehr viele Trockenwiesen. Und auf diese Trockenwiesen gibt's natürlich sehr viele Blumen, sehr viele Insekten. Das ist einmal der Wert, der ökologische Wert, dass sie da einen sehr artenreichen Landschaftstyp hat. Das Zweite ist natürlich, wenn ich Besucher bekomme, die sagen: "Wah, was habt ihr hier doch für eine Landschaft. Ihr lebt ja in einem Blumengarten."
00:13:45: ,220 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wir reden oft von einer gepflegten Kulturlandschaft. Was verstehst du unter diesem Begriff "gepflegt"? Ist es aufgeräumt? Ist es sauber, kurz gemäht?
00:13:58: ,640 [Georg Kranik (Gast)] Äh, gepflegte Kulturlandschaft ist einfach, dass sie bearbeitet wird.
00:14:02: ,880 [Georg Kranik (Gast)] Eine gute Kulturlandschaft macht immer Arbeit. Ob jetzt, äh, dann der Traktor am Abend draußen stehen geblieben oder ganz genau in die Garage gestellt wird, das ist vielleicht nicht so wichtig. Gepflegte Kulturlandschaft muss bearbeitet werden, die muss genügend beweidet werden, äh, zum Teil auch gemäht, weil wenn zu wenig beweidet wird, andere Gräser beginnen zu überwiegen, werden dann vom Vieh nicht mehr genommen und so geht dann die Artenvielfalt zurück und du hast sehr viele braune Anteile, trockene Anteile in der Wiesen drinnen und, äh, die Kulturlandschaft ist halt doch häufig auch das saftige Grün. Und wenn dann noch in der Blütezeit die vielen Blumen dazukommen, [lacht] da kann einem wirklich das Herz aufgehen.
00:14:47: ,420 [Christine Brugger (Moderatorin)] Georg Granig ist auch Bauer. Er hat es geschafft, aus einer verwachsenen Almfläche eine Lärchenwiese zu gestalten.
00:14:56: ,740 [Georg GraniG (Gast)] Eigentlich waren diese Wiesen schon aufgegeben und ich, weil ich so klein bin, aber Schafe habe, brauche ich eben die Weideflächen. Damals war es schon ziemlich zugewachsen und dann haben wir eben das entfernt und haben die Lärchen stehen gelassen und haben eine Lärchweide daraus gemacht. Ja, es ist natürlich ein Grenzertrag. Die Schafe freuen sich, wenn sie im Frühjahr auf die Alpen gehen und, äh, diese Lärchwiesen, wenn ich sie räume, ist interessant, der Auerhahn, der hat's gern aufgeräumt. Also wenn ich im Frühjahr das, was der Wind an Ästen und Groase, sagen wir, im Winter herunterreißt, wenn ich das zusammenreche und sauber mache, das ist Wochen später oder so, treffe ich sicher einen Auerhahn.
00:15:38: ,960 [Christine Brugger (Moderatorin)] Lärchwiesen sind ja auch ein besonderer Landschaftstyp. Warum hat man die früher angelegt? Die sind ja nicht durch Zufall entstanden.
00:15:48: ,760 [Georg Kranik (Gast)] Die größten Lärchenwiesen sind ja eigentlich in Heiligenblut, Apriacher Berg, und die sind auch ein bisschen ertragreicher, weil bei mir muss ich natürlich sehr dahinter sein. Wir haben Silikat und da überwiegt, äh, sehr schnell, wenn man es nicht entsprechend beweidet und so, der Bürstlinggrasen. Und da in Heiligenblut, das ist eigentlich ein Relikt aus der Goldgräberzeit. Damals, da haben ja in diesem oberen Mölltal auch ungefähr so viele Leute gelebt wie heute, sechstausend Leute so herum nimmt man an, und die brauchten ja was zu essen und das hat man nach Möglichkeit vor Ort transportiert. Andererseits brauchte man auch das Holz. Und so hat man also die Fichte entfernt, für Köhlerei verwendet, das Lärchenholz eben als Bauholz, als Grubenholz stehen gelassen und bei der Lärche kommt eben Licht zu Boden, da hat man Gräser drunter und das konnte man als Weide nutzen. Das ist also eine Doppelnutzung, wodurch das entstanden ist.
00:16:45: ,320 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bedeutet das fürs Vieh?
00:16:48: ,420 [Georg GraniG (Gast)] Die Lärche hat natürlich auch einen Vorteil von Schatten und das Vieh kann eigentlich vom Hof, im Frühjahr geht's zuerst in die Lärchweiden, dann geht's auf die untere Alm, auf die obere Alm und im Herbst geht der Weg wieder so etappenweise zurück.
00:17:03: ,560 [Christine Brugger (Moderatorin)] Gitarren-Musik]
00:17:06: ,340 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ein weiteres wertvolles Element der Kulturlandschaft sind die Trockensteinmauern, wie wir sie im ganzen Nationalpark Hohe Tauern finden. Im Salzburger Teil haben sie einen besonderen Namen, wie Gebietsbetreuer Stefan Lerch weiß.
00:17:22: ,000 [Stefan Lerch (Gast)] Im Pinzgau heißen die, das sind die Steinhage, oder ich sage jetzt so Steinhag’, wie wir da sagen. Also generell alle Formen von Zäunen auf der Alm, das sind die Hag’.
00:17:32: ,860 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und wie sind die entstanden? In dem Begriff Klaubsteinmauer steckt ja auch schon ein Stück weit die Entstehung. Wie hat man sie gebaut?
00:17:41: ,600 [Stefan Lerch (Gast)] Genau, man hat geklaubt. Sprich, im Talboden herunten hat man geschaut, dass man die Fläche, dass man die für die Rinder leichter zugänglich macht. Man hat die losen Steine, die da rumgelegen sind, dass man die auf Haufen zusammengelegt hat oder dass man sie dann im Almanger, dass man den ausgezäunt hat. Und für das hat man diese Steine zusammen geklaubt. Oder was auch dann regelmäßig in jedem Frühjahr passiert ist, das sind Grundschneelawinen, die wo runterkommen. Die transportieren auch immer wieder mal Steinmaterial mit, um da eben die Weide wieder einigermaßen steinfrei zu bekommen, sind dann diese Steine wieder zusammengetragen worden und eben in Form von Zäunen dann aufgeschlichtet worden.
00:18:21: ,167 [Christine Brugger (Moderatorin)] Diese Glaubsteinmauern sind wieder ein ganz eigener Lebensraum. Wen finden wir da oder was finden wir da?
00:18:29: ,748 [Stefan Lerch (Gast)] Ja, da haben wir allerlei Getier, die da kriechen. In erster Linie sind es, sage ich jetzt vielleicht, Eidechsen, die wo da ihren Lebensraum gefunden haben. Das sind Trockenstandorte, Magerstandorte. Die Kreuzotter wird da und dort dann zu treffen sein, etliche Insektenarten. Also da bewegt sich was.
00:18:46: ,948 [Christine Brugger (Moderatorin)] Auf der Nordseite der Hohen Tauern ist auch der sogenannte Girschtenzaun anzutreffen. Ein kunstvoll gesteckter Zaun aus Holz, der immer noch errichtet wird. Klingt nach einem Kunsthandwerk, Stefan.
00:19:00: ,788 [Stefan Lerch (Gast)] Ja, das ist ein Kunsthandwerk. Also da steckt sehr viel Liebe zum Detail drinnen. In erster Linie schon mal, dass man überhaupt das Material, das Zaunmaterial, dass man das jetzt errichtet, dass man das schafft und dann den Zaun auch steckt. Gell also ein Girschtenzaun wird immer gesteckt und ist sehr viel Arbeit dahinter. Ja, in erster Linie Girschtenzäune hat man rund um Höfe oder irgendwo im Bereich der Almen hat man es rund um die Almhütten. Immer dort, wo nicht zu viel Schnee ist. Der Schneedruck ist jetzt eigentlich der Feind des Girschtenzauns. Es gibt auch verschiedenerlei Arten von Girschtenzäunen. Girschtenzaun ist nicht gleich Girschtenzaun.
00:19:35: ,528 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie unterscheiden die sich dann?
00:19:37: ,728 [Stefan Lerch (Gast)] Ja, da gibt es jetzt bei den Gehöfte, da hat man vielleicht den hasendichten Girschtenzaun. Das ist ein besonders dicht gesteckter Zaun. Der hat zwei Girschten. Also es hat ja jedes Teil bei diesem Girschtenzaun hat seinen Namen. Es gibt immer die Stecken. Da hat man dreierlei Arten von Stecken, die halten den Zaun aufrecht. Und dass dann der Zaun dicht wird, da werden die Girschten dazu gelegt.
00:19:58: ,188 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die werden gelegt? Wie kann man sich das vorstellen?
00:20:01: ,548 [Stefan Lerch (Gast)] Ja, der Stecken wird immer geschlagen, der spannt dann auch den Zaun und die Girscht wird dann eigentlich zwischen die Stecken, die wo kreuzweise geschlagen werden, werden die dann hineingelegt und dann kommt wieder der nächste Stecken dazu.
00:20:13: ,348 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was für ein Material kommt da zum Einsatz?
00:20:16: ,448 [Stefan Lerch (Gast)] Also mittlerweile die kunstvollen Zäune, die wo man sieht rund um die Höfe, da haben wir natürlich jetzt die beste Form vom Material, die langhaltendste Form, das ist gespaltenes Lärchenholz. Und wenn man sagt, jetzt auf die Almen droben, da hat man dann sehr viel Material hergenommen, das, was wir sonst nicht mehr gebraucht haben. Das sind allerlei Äste von Bäumen gewesen, die wo man da verwendet hat. Das sind dann die einfachen Zäune waren das. Und da hat man teilweise die Zäune dann auch jeden Frühjahr wieder neu stecken müssen, speziell wo man viel Schneedruck gehabt hat oder eventuell auch in Lawinengassen, da sind die Zäune dann niedergelegt worden und im nächsten Frühjahr, Frühsommer hat man die dann wieder aufgerichtet.
00:20:50: ,628 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wer kann dieses alte Handwerk heute noch? Das klingt ja nach mühsamer Arbeit.
00:20:55: ,008 [Stefan Lerch (Gast)] Ja, das ist sehr mühsame Arbeit. Es gibt gar nicht so wenig Leute, die das noch können oder die das irgendwann gelernt haben. Ich zum Beispiel, ich kann das Ganze auch, aber man muss das schon regelmäßig machen, dass man da auch geschult ist, also damit man einen sauberen Girschtenzaun, dass man den wieder zusammenkriegt.
00:21:14: ,567 [Christine Brugger (Moderatorin)] Nach der kulturhistorischen, ökologischen und landwirtschaftlichen Bedeutung kommen wir zur ästhetischen Bedeutung der Kulturlandschaft. So sind Almen auch ein Sehnsuchtsort für Einheimische ebenso wie für Gäste. Aber woher kommt das eigentlich?
00:21:33: ,568 [Andreas Rauchegger (Gast)] Wir können zurückblicken auf die romantische Malerei. Es waren gerade auch die Hofmaler um Thomas Ender, die sich auch in den Hohen Tauern aufgehalten haben und diese, diese idyllischen Landschaften im obrigkeitlichen Auftrag festgehalten haben. Und es ist auch dieser Blick, der dann später im Stimmungsimpressionismus wieder hochgekommen ist. Zwar ein veränderter Form, der uns bis heute begleitet und den wir eigentlich mit Ästhetik verbinden. Was vielleicht ein anderer Blickwinkel auf das Thema ist, sind wiederum die Flurnamen. Wir finden heute immer wieder sogenannte Naturdenkmale, vor allem in diesen Almgebieten, die ja für dieses ästhetische Empfinden sprechen. Das sind beispielsweise diese Kleinseen, die man als Pfauenauge benennt und so weiter. Aber es sind auch Felsgebilde, die menschlichen Körpern ähneln. Und das Interessante ist, also von unseren Vorfahren wurden sie benannt, beispielsweise der Rote Mann im hintersten Schwarzachtal. Der sieht also tatsächlich aus wie ein Mann. Also da war vor 1000 Jahren jemand oben und hat diese Form erkannt und daraus kann man ableiten, dass wir nicht die Einzigen sind, die Berge ästhetisch empfinden. Ein weiterer Hinweis dazu sind beispielsweise die alten Hirtenhütten. Die alten Hirtenhütten stehen immer an neuralgischen Punkten mit bester Sicht in die Täler, auf die Übergänge. Das sind aber genau diese Blickwinkel, die auch uns gefallen, wo man ganz besondere Stimmungen erlebt und viele dieser steinzeitlichen Jägerrastplätze sind auch an exponierten Stellen mit, mit sehr schönem Überblick über das Tal. Natürlich waren sie notwendig, äh, im Sinne der Nutzung oder der Jagd und so weiter, aber trotzdem, es sind diese Plätze geblieben, von welchen wir auch die Landschaftsästhetik genießen können.
00:23:30: ,488 [Christine Brugger (Moderatorin)] Aber nichts bleibt, wie es einmal war. Auch wenn es die Kulturlandschaft wie über viele Jahrhunderte hinweg zum Überleben nicht mehr braucht, ist sie heute ein Hort der Artenvielfalt und ein touristischer Anziehungspunkt. Deshalb fördert der Nationalpark Hohe Tauern seit seinem Bestehen nicht nur die Bewirtschaftung dieser Landschaft, sondern auch den Erhalt ihrer einzigartigen Elemente.
00:23:55: ,368 [Thomas Steiner (Gast)] Ja, das ist eine der größten Herausforderungen, die wir auch zum Beispiel mit dem Nationalparkförderprogramm unterstützen wollen, dass wir die Besitzer animieren wollen, diese, äh, Elemente zu erhalten, weil ich könnte beispielsweise einen Zaun auch in herkömmlichen konventionellen Materialien ausführen. Ich kriege aber einen Nationalparkbeitrag, wenn ich zum Beispiel einen Holzzaun mache. Ich könnte eine historisch gewachsene Almhütte mit Ziegeldach eindecken oder mit Blech, äh, kriege aber eine Förderung, wenn ich sie traditionell nach der Holzdeckungsmethode eindecke. Hauptkriterium ist die landschaftsgerechte Bauweise mit den natürlichen Materialien Stein, Holz, Holzblockbau, dann Trockensteinmauern, also alles Elemente, die seit Jahrhunderten hier in den Hohen Tauern eingesetzt werden. Also ich glaube, dass das schon sehr, sehr viel bringt, dass wir diese Elemente auch original erhalten können.
00:24:55: ,048 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bringt es touristisch?
00:24:58: ,368 [Stefan Lerch (Gast)] Vor allem einmal das Landschaftsbild, das der Gast mit dem Nationalpark Hohe Tauern verbindet, weil er kommt zu einem überwiegenden Teil in die Kulturlandschaft, in die Almregionen. Und ich glaube, dass das schon auch touristisch einen sehr hohen Wert hat, wenn das original erhalten ist, das Landschaftsbild und da natürlich auch ein Mehrwert, glaube ich, für die Region auch dadurch entsteht.
00:25:24: ,308 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was mich immer wieder fasziniert, ist, wie schnell ein neues Dach oder ein Brunntrog aus Lärchenholz, anfangs noch honigfarben, durch Wind und Wetter einen silbergrauen Ton annimmt. So verschmelzen sie fast mit der Landschaft und scheinen schon immer da gewesen zu sein.
00:25:44: ,728 [Christine Brugger (Moderatorin)] Mit diesem Bild verabschiedet sich Christine Brugger für heute, sagt Danke fürs Zuhorchen. Ich freue mich auf die nächste Ausgabe unseres Podcasts.
00:25:56: ,178 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war Aufgehorcht. Ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser, vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben. [Vogelgezwitscher]
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