#008 Bartgeier: Die Rückkehr eines Giganten

Shownotes

Darum geht’s in dieser Folge: Die Rückkehr des Bartgeiers in den Alpenraum Mythen und Missverständnisse rund um den „Knochenbrecher Einblick in eines der größten Artenschutzprojekte Europas Warum der Bartgeier für unser Ökosystem so wichtig ist

Gesprächspartner: Hans Frey – Veterinär, EGS Eulen- und Greifvogelstation Haaringsee Richard Zink – Wildbiologe & Experte für Ökologie, VetMed Wien Michael Knollseisen – Biologe, Monitoring & Freilassungsbegleitung Projekt Bartgeier Nationalpark Hohe Tauern

Spannende Fakten aus der Folge Bartgeier ernähren sich zu rund 80 % von Knochen Sie lassen Knochen aus großer Höhe fallen, um sie zu zerkleinern Die Brut- und Nestlingzeit bis zum Ausflug dauert bis zu einem halben Jahr Erst nach mehreren Jahren werden Bartgeier geschlechtsreif Heute leben wieder 400–500 Bartgeier in den Alpen Warum der Bartgeier wichtig ist „Recycling-Profi“ der Natur: beseitigt Knochenreste Verhindert die Ausbreitung von Krankheiten Teil eines sensiblen ökologischen Gleichgewichts im Hochgebirge

Bartgeierprojekt Nationalpark Hohe Tauern

Bartgeier Fortuna Online

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00:00:01: ,720 [MIchael Knollseisen] Sehr markant ist einfach die Färbung, also Oberseite dunkelgrau oder sehr dunkel, Brust, Kopf sehr hell, dann natürlich rötlich eingefärbt, die rot umrandeten Augen, der Bart und natürlich so richtig entfalten tut er sich, sobald er fliegt. Einem Bartgeier beim Fliegen zuzuschauen, ist einfach immer noch ganz was Besonderes.

00:00:22: ,320 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht, der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.

00:00:34: ,260 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wenn man im Nationalpark Hohe Tauern unterwegs ist, kann man mit etwas Glück einen Bartgeier am Himmel sehen. Wobei dieses Sehen beidseitig ist, denn die größte Vogelart des Alpenraums ist ausgesprochen neugierig und kommt die Menschen manchmal ziemlich nahe. Auch ich habe dieses spektakuläre Erlebnis schon gehabt. Christine Brugger begrüßt herzlich zur heutigen Aufgehorcht-Episode, die vom Wiederansiedlungsprogramm dieser imposanten Art handelt. Wir treffen Hans Frey, der in seiner Eulen- und Greifvogelstation Haringsee viele Jungvögel gezüchtet hat, um sie der Natur zurückzugeben. Richard Zink ist Wildbiologe und weiß, welche Rolle der Bartgeier in der Ökologie spielt und Michael Knollseisen hat jahrelang die Bartgeierfreilassungen begleitet und war für das Monitoring verantwortlich. Vor rund 100 Jahren galt der Bartgeier in den Alpen als ausgerottet. Wer hat ihn so vehement bekämpft?

00:01:37: ,340 [MIchael Knollseisen] Prinzipiell alle. Der Bartgeier ist einfach ein großer Vogel, auch sehr neugierig. Das heißt, er kommt gern dran und schaut sich Leute aus der Nähe an. Und, äh, es waren wirklich Leute, die haben sich gefürchtet, haben geglaubt, dass er natürlich, dass er Lämmer jagt, äh,

00:01:53: ,560 [MIchael Knollseisen] Schafe über den Berg hinabschmeißt, Kinder holt, wobei Kinder hat er offensichtlich nur in der Schweiz und in Österreich geholt. In anderen Gebieten, wo es viel mehr Bartgeier gegeben hat, früher zumindest, wie in Spanien, in Italien, auch in Frankreich, da gibt's überhaupt keine Geschichten zum Thema, dass der Bartgeier Kinder geholt hätte. Ganz viel von den schlimmen Geschichten sind natürlich auch in Gegenden entstanden, wo es eigentlich gar keinen Bartgeier gegeben hat. Weil wir haben auch wirklich alte Abbildungen, ein paar hundert Jahre alt, wo der Bartgeier irgendwo sitzt und irgendwie an irgendeinem Knochen herumbeißt. Der traditionelle spanische Name, Quebrantahuesos, ist der, der die Knochen bricht. Also das war den Leuten, die wirklich, Hirten auch, die tagtäglich mit dem Bartgeier zu tun gehabt haben, sehr wohlbekannt. Wenn ein Schaf eine Geburt gehabt hat und er holt sich dann die Nachgeburt, aber er holt sich nicht das lebende Lamm. Und so Geschichten entstehen oft einfach aus Unwissenheit und werden von Leuten dann auch verbreitet, das ist ja heute beim Wolf genau das Gleiche, die einfach von dem Thema überhaupt keine Ahnung haben.

00:02:54: ,060 [Christine Brugger (Moderatorin)] In den 1970er Jahren begann ein Umdenken. Der WWF Österreich startete erste Monitoringprogramme, um die Lebensbedingungen und potenziellen Wiederansiedlungsgebiete zu erfassen. Eine Sensation war der erste Bruterfolg in Gefangenschaft 1974 im Alpenzoo Innsbruck. Ein weiblicher Vogel mit der Kennung BG null null sechs, den ich an seinem Alterswohnsitz im Marchfeld besuche. Hier in der Eulen- und Greifvogelstation Haringsee treffe ich Hans Frey, einer der Initiatoren des Zuchtprogramms, der erklärt, welche Herausforderungen eine Zucht in Gefangenschaft mit sich bringt.

00:03:37: ,820 [Hans Frey] Das Phänomen der Prägung, das ist ein irreparabler Prozess. Das heißt, ein Tier, das auf Menschen geprägt ist, interessiert sich nicht mehr für Artgenossen. Es war also klar, ich muss Handaufzucht unter allen Umständen vermeiden. Das kann man tun, wenn man sie im Gehege züchtet und auch wenn die Menschen sehen, heißt das nicht, dass sie auf Menschen geprägt sind, weil ja die Altvögel auch auf uns reagieren. Wenn wir vorbeikommen beim Gehege, machen die Warnrufe, zeigen im Verhalten, das ist ein Feind, ein potenzieller Feind. Das heißt, solche Tiere sind Menschen gegenüber trotzdem sehr vorsichtig. Aber das Problem ist die Auswilderung selber. Wie mache ich das jetzt? Da muss ich ja Kontakt zu dem Tier aufnehmen. Und da war eben die Idee, ja, wir machen das alles, was wir ersetzen können. Das heißt, was passiert in der Natur, wenn so ein Bartgeier ausfliegt irgendwo im Gebirge? Der muss ja weiter versorgt werden. Das machen die Eltern. Also, das ist kein Problem. Damit ist das Problem der Fehlprägung unter natürlichen Bedingungen nicht existent. Nur wenn wir das jetzt machen, müssen wir die Funktion der Eltern zu einem Teil übernehmen. Wir müssen den weiteren Kontakt mit Menschen auf jeden Fall vermeiden. Was die Eltern in der Natur tun, ist einzuschränken auf drei, vier Faktoren. Das eine einmal ist der Schutz vor Fressfeinden. Bartgeier würden die Jungen verteidigen, wenn sie in einer Notlage sind, klarerweise. Das kann ich vermeiden, indem ich den Neststandort so wähle, dass kein Raubtier, kein Bodenraubtier dorthin kommt. Ja, und dann war das große Problem natürlich der Sozialkontakt. Der Sozialkontakt ist sehr wichtig. Die Entwicklung des Gehirns hängt ja sehr stark auch mit diesem Faktor zusammen. Das kann man machen, indem man statt einen Vogel ins Nest setzt, mehrere ins Nest setzt. Es gab beim Bartgeier ein sehr gut untersuchtes Phänomen des Kainismus, dass also Jungtiere untereinander unverträglich sind. Im jugendlichen Alter würden sich die killen, sobald sie zueinander kommen. Aber wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, sind sie dann schnell toleranter und akzeptieren dann einen Partner und sehen den als, als Sozialpartner.

00:05:44: ,680 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ich war selbst bei mehreren Bartgeier-Freilassungen dabei. Es sind immer zwei Jungtiere in einen künstlich errichteten Horst gebracht worden. Aber wie haben die sich dann ernährt? Die konnten ja noch nicht fliegen und Nahrung suchen.

00:06:00: ,996 [Hans Frey] Ja. Ich muss vermeiden, jeden weiteren Kontakt zu Menschen, der direkt erfolgt. Das heißt, ich muss eine Möglichkeit schaffen, die Fütterung so zu gestalten, dass der Vogel niemals realisiert, wer ihn füttert. Und das machen wir, indem wir ein Art Röhrensystem bilden, wo also das Futter, wie eine Postwurfsendung funktioniert das, über Röhrensysteme in den Horst geleitet wird. Also auch das Problem war lösbar.

00:06:28: ,936 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und dann wurde gespannt gewartet, wann fliegen sie das erste Mal, weil das konnten sie ja noch nicht.

00:06:35: ,476 [Hans Frey] Es gab viele Theorien, wie dieser Prozess des Ausfliegens überhaupt passiert. Welcher Mechanismus steuert diesen Vorgang, den richtigen Zeitpunkt auszufliegen. Da war klar, dass eine Tierart, die so exponiert brütet, die sitzen in Wänden, die hunderte Meter hoch vom Boden sind, wenn der zu früh rausfliegt oder als Klein-, als Jungtier schon versucht zu fliegen, ist er Todeskandidat. Ganz klar, ja. Das heißt, es muss ein angeborenes Prinzip herrschen, dass es eben zum richtigen Zeitpunkt passiert. Der Jungvogel bestimmt diesen Zeitpunkt, unbeeinflusst von Eltern, unbeeinflusst von anderen Faktoren. Das kommt also völlig überraschend. Plötzlich hebt er vom Boden ab und fliegt aus dem Nest. Völlig überraschend. Eine Testung des Flugvermögens erfolgt aber schon lange vorher durch Flugübungen. Das heißt, man kann aus dem Zeitpunkt, aus der Dauer der Flugübungen ungefähr kalkulieren, wann das jetzt der Fall sein wird. Aber das ist eine grobe Schätzung. Genau wissen wir's nie. Ist immer ein Überraschungseffekt, wenn der Vogel dann ganz plötzlich aus dem Nest herausfliegt. Und was passiert jetzt? Von der Natur aus wär's ja verrückt, wenn der Jungvogel jetzt gleich zehn Kilometer wegfliegt und das Gebiet fliegend verlässt. Damit könnt er die Eltern verlieren, was große Schwierigkeiten bereiten würde. Das heißt, von der Evolution her ist vorgegeben, dass der erste Flug nie weit weg führt. Die machen im Prinzip einen großen Bogen und landen dann auf den Almböden. Das ist etwas, was wir nicht beeinflussen können. Das ist angeboren. Das funktioniert bestens und dann sitzen sie am Boden, werden von den Eltern weiter gefüttert und beginnen dann mit Exkursionen über größere Distanzen, aber erst nach mehreren Tagen. Kehren aber jedes Mal nach jedem Ausflug wieder zum Ort dort zurück und werden dort weiter versorgt von den Eltern. Ist der natürliche Ablauf, ja. Das kann man natürlich nachmachen, die Fütterung am Boden. Nur, wie mache ich das? Ich kann's ja wieder nicht als Mensch tun, sondern ich muss das wiederum verborgen tun. Das heißt, das Monitoring-Team, das bei jeder Freilassung dabei ist, ist darauf geschult zu achten, wo sitzen die am Abend, wo verbringen sie die Nacht. Jetzt kann ich in der Nacht im Umfeld dieses Platzes Futter auslegen. Also auf exponierten Stellen, die leicht einzusehen sind, legt man dann Knochen oder Futterteile aus und am nächsten Tag geht der Jungvogel sich das holen. Und das braucht man jetzt nur fortsetzen, bis das Flugvermögen so weit ist, dass der Vogel schon von sich aus das Gebiet erkundet und dann wieder zurückkehrt, also ein allmählicher Prozess der Emanzipation, was auch die Ernährung anbelangt.

00:09:15: ,276 [Christine Brugger (Moderatorin)] Emanzipation bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Vogel beginnt, von seinen Eltern unabhängig zu werden. Es dauert circa einen Monat, bis die Vögel dann selbstständig sind. Bis zur Geschlechtsreife dauert es aber noch ein paar Jahre. Warum so lange, möchte ich von dem Wildbiologen Richard Zink wissen. Er arbeitet an der Veterinärmedizinischen Universität Wien für die österreichische Vogelwarte.

00:09:42: ,976 [Richard Zink] Bartgeier müssen, um im Hochgebirge überleben zu können, insbesondere den Brutzyklus, die Aufzucht der Jungtiere bewerkstelligen. Und jetzt ist es so, dass die Brutperiode und die Jungenaufzuchtperiode beim Bartgeier sich über ein halbes Jahr erstreckt. Das ist für einen Vogel ungemein lange, ist, äh, danach getimt, wann die besten Nahrungsverfügbarkeiten existieren im Hochsommer, wenn die Kadaver aus den Lawinen ausapern und dementsprechend beginnt die Brut schon oft im Dezember. Wenn man sich jetzt vorstellt, dass hier ein Nest mit ein oder zwei Eiern im Dezember auf zweieinhalbtausend Metern über zwei Monate konstant auf Temperatur gehalten werden muss, so wird klar, dass Bartgeier als Pärchen ungemein gut aufeinander abgestimmt sein müssen, um dieses Kunstwerk so zu bewerkstelligen. Und, ähm, das ist ein Prozess, der Jahre braucht. Da gibt es mitunter einige Bruten, die anfangs auch noch schiefgehen, bis das Paar so perfekt eingespielt ist, damit Brutwechsel binnen Sekunden stattfinden können, um den Embryo zu schützen vorm Auskühlen, insbesondere auch die Eier zu schützen vor dem Zugriff der Kolkraben beispielsweise. Bartgeier müssen diese lange Phase des Zusammenwachsens durch ein hohes Lebensalter kompensieren. Die schwierigen Bedingungen im, im Hochgebirge führen auch dazu, dass Bartgeier im Schnitt nur jedes zweite, in manchen Gebieten nur jedes dritte Jahr einen Jungvogel großziehen können und nur eine lange Lebensphase stellt sicher, dass, äh, da genügend Nachwuchs produziert werden kann.

00:11:28: ,596 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ein Paar habe ich mir genau angeschaut, Alexa und Andreas Hofer, die seit 2002 im Nationalpark Hohe Tauern leben und seit 2010 dreiundzwanzig Mal gebrütet haben. Neun Jungvögel sind daraus entstanden. Das heißt, die Zeit von der Eiablage bis zum Ausflug ist eine sehr sensible, sehr verletzliche?

00:11:55: ,544 [Richard Zink] Ja, also die Zeit der Bebrütung und die ersten Wochen der Jungenaufzucht sind sicherlich die sensibelste Phase im Jahresablauf der Bartgeier. Da darf es eben zu keinen Störungen kommen. Da muss dafür gesorgt sein, dass beispielsweise Eiskletterer entsprechend informiert sind, um nicht in der Nähe der Horste zu steigen. Auch dass, äh, Helikopterflüge nicht im unmittelbaren Bereich der Horste durchgeführt werden. Denn wenn ein Vogel panisch den Horst verlässt, dann ist der Embryo im Ei unweigerlich in den Wintermonaten einem Verlust ausgesetzt. Und das gilt es eben zu vermeiden, denn Bartgeier können nicht einfach ein neues Ei oder eine zweite Brut im Jahr vollziehen, sondern dieser Zyklus dauert eben ein halbes Jahr.

00:12:39: ,824 [Christine Brugger (Moderatorin)] Bartgeierpaare bleiben sich treu und sehr, sehr lange zusammen. Stirbt ein Partner, können sie sich aber wieder einen neuen suchen. Warum ist diese konservative Beziehung von der Natur so angelegt?

00:12:55: ,244 [Richard Zink] Es braucht extrem viel Erfahrung, um unter den extremen Bedingungen im Hochgebirge bestehen zu können. Und eine sensible Stelle ist dabei der Horst. Es braucht also einen witterungsgeschützten Platz. Die Vögel müssen wissen, wie die Winde im Jahresverlauf am Horst ansetzen, ob, äh, beispielsweise dann Niederschlag in die Horstnische eindringt. Und wenn man einmal dann den perfekten Platz gefunden hat, dann darf man den nicht mehr aufgeben. Aus diesem Grund sind Bartgeier sehr standorttreu, bleiben ein Leben lang auch zusammen, zusammengeschweißt, könnte man sagen, weil dieses Leben im Hochgebirge das einfach erfordert. Und stirbt tatsächlich einmal ein Partner, dann ist es in der Regel so, dass der zweite Partner an Ort und Stelle verbleibt, weil den geeigneten Platz aufzugeben wäre zu riskant, und darauf wartet, dass ein neuer Partner sozusagen sich wieder dazu gesellt.

00:13:53: ,303 [Christine Brugger (Moderatorin)] Bartgeier sind Aasfresser, aber achtzig Prozent ihrer Nahrung besteht aus Knochen. Wie schafft das ein Vogel, der circa ein Meter zwanzig groß ist, wenn er aufrecht sitzt, einen großen Knochen zu verschlingen?

00:14:09: ,804 [Richard Zink] Das können nur ganz wenige Arten, also beispielsweise die Hyänen in Afrika, die auch Knochen brechen können mit ihrem starken Unterkiefer. Beim Bartgeier ist es so: Er hat diese Möglichkeit der Hyänen nicht. Er muss eine andere Möglichkeit finden, Knochen zu zerkleinern. Sind wohl große Stücke, die abgeschluckt werden können und dann von der scharfen Magensäure zersetzt werden. Aber wenn er also ein ganzes, äh, Skelett, ein Gerippe findet, so muss er das zuerst hochtragen und über sogenannten Knochenschmieden, das sind meistens so Schutthalden im Hochgebirge, abfallen lassen, bis es in mundgerechte Stücke zerfällt, um abgeschluckt zu werden.

00:14:47: ,644 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und woher wissen wir das alles? Die Bartgeier werden allesamt nach ihrer Freilassung begleitet. Monitoring nennt man diesen Vorgang, für den Michael Knollseisen im Auftrag des Nationalparks Hohe Tauern verantwortlich ist.

00:15:02: ,984 [MIchael Knollseisen] Wir wollten am Anfang natürlich bei der Freilassung wissen, wie ist die Überlebensrate der Vögel? Wo gehen sie hin? Welche Gebiete nutzen sie? Leben sie noch fünf Jahre, zehn Jahre auch noch. Wo siedeln sie an? Wo fangen sie mal zum Brüten an? Das sind einfach ganz wichtige Punkte im Zuge von einer Freilassung. Wo jetzt in den Hohen Tauern jetzt doch seit bald zehn Jahren keine Vögel mehr freigelassen werden, versuchen wir natürlich weiterhin, die Bartgeierpaare zu kontrollieren. In erster Linie ist das Monitoring, sodass man einfach Beobachtungen sammelt. Das läuft natürlich nach wie vor weiter, weil das einfach die einzige Möglichkeit ist, um zum Beispiel neue Paarbildungen zu erkennen beziehungsweise auch Entwicklungen, ob positive oder auch negative Entwicklungen in der Population, frühzeitig zu erkennen, sodass man einfach potenziell auch darauf reagieren kann.

00:15:45: ,464 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und du kennst sie seit sechsundzwanzig Jahren. Wie erkennst du sie wieder?

00:15:52: ,604 [MIchael Knollseisen] Erkennen eigentlich gar nicht. Man weiß natürlich die Reviere, wo welche Vögel fliegen. Es kann natürlich sein, dass es mal eine Änderung gibt bei den Paaren und da versucht man natürlich, ob jetzt über DNA-Proben oder wenn man Ringe sieht, wenn es noch freigelassene Vögel sind, die zu identifizieren. Ansonsten ist es sehr, sehr schwierig, ausgewachsene Bartgeier voneinander zu unterscheiden. Wenn man natürlich, wie es früher war, da war ich ja wesentlich intensiver unterwegs und wesentlich häufiger bei den Paaren unterwegs und da habe ich sie wirklich aufgrund kleiner Gefiedermerkmale oft wirklich unterscheiden können. Das ist jetzt eigentlich nicht mehr der Fall, aber man weiß halt, in dem Tal, da fliegen zwei erwachsene Bartgeier. Wie zum Beispiel da im Seebachtal, Charlie, das Weibchen, und der Felix zwei. Ich meine, ich habe die beiden Vögel freigelassen vor vielen Jahren und weiß halt, dass die da genau in diesem Revier halt fliegen.

00:16:40: ,564 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie alt sind die beiden heute?

00:16:42: ,864 [MIchael Knollseisen] Die Charlie ist 2016 freigelassen, also wird jetzt zehn Jahre alt und ist jetzt seit fünf Jahren schon in dem Revier, also schon relativ jung daher gekommen. Der Felix ist ein bisschen älter, der ist jetzt zehn Jahre alt.

00:16:55: ,604 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Bevölkerung war eingeladen, bei der Auswilderung mit dabei zu sein. Was hat sich verändert, als die Menschen dann den Bartgeier zum ersten Mal so nahe gesehen haben?

00:17:08: ,883 [MIchael Knollseisen] Über die ganzen Jahre, wo ich die Freilassung im Nationalpark Hohe Tauern betreut habe, war einfach faszinierend, dass die Freilassung immer so ein toller Anziehungspunkt war. Es war mehr oder weniger wie ein Dorffest organisiert. Es sind sehr viele Leute zur Freilassung gekommen. Sehr viele Leute, die sich einfach die jungen Bartgeier angeschaut haben. Es war halt eine Möglichkeit, einfach die Vögel einmal aus der Nähe zu sehen. Wir haben ja die Freilassungsplätze so gewählt, dass die Vögel zwar wohl am Berg oben ihre Ruhe haben, aber auch ganz gezielt Täler ausgesucht im Nationalpark, die gut erreichbar sein und Freilassungsnischen, die gut einsehbar sein, sodass wir einfach den Leuten haben zeigen können, wie sich die Vögel entwickeln. Und das ist auch sowohl von den Einheimischen als auch von den Gästen sehr, sehr gut angenommen worden.

00:17:50: ,444 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ein Teil dieser Kampagne war auch, dass die Tiere Namen bekommen. Hubertus oder Romaris, Jackpot oder Christa. Kamen sie uns so ein Stück weit näher?

00:18:02: ,544 [MIchael Knollseisen] Das ist natürlich ganz was anderes, wenn jetzt ein Vogel da nur eine Nummer hat, wenn dem was passiert, ist natürlich was anderes, als ob jetzt der Fritz oder der Tauernwind oder wer auch immer irgendwo abstürzt oder abgeschossen wird. Wir haben am Anfang in den Hohen Tauern, genauso wie in allen anderen Alpenanrainer-Ländern, auch alle Wildvögel benannt. Das ist irgendwann dann, nachdem wir schon relativ viele gehabt haben, äh, abgestellt worden. Aber in allen anderen Gegenden in den Alpen ist es nach wie vor so, dass, äh, selbst wenn man sich das anschaut, in Frankreich, Italien, wo

00:18:34: ,443 [MIchael Knollseisen] weit über hundert Jungvögel schon ausgeschlagen sind im Freiland, da kriegt jeder Einzelne nach wie vor einen Namen.

00:18:40: ,023 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ein Novum sind jetzt die Schutzzonen. Das heißt in zwei Tälern im Gschlöß und im Seebachtal. Warum war das wichtig?

00:18:49: ,004 [MIchael Knollseisen] Überhaupt die erste Brut in Gastein war schon im Nahbereich eines Eiswasserfalles und, äh, ich habe damals einfach gleich die Gasteiner Eiskletterer und Bergretter kontaktiert und gesagt: „Hey, wir haben da im Nahbereich von einem der Eiswasserfälle einen Bartgeier-Brutplatz. Ist der erste Bartgeier-Brutplatz jetzt in den Hohen Tauern. Besteht die Möglichkeit, dass auf dem Eiswasserfall nicht geklettert wird. Und ich habe dann mit denen gemeinsam eine Tafel angebracht und das ist auch dann respektiert worden und es ist echt in dem Winter an dem Eiswasserfall nicht geklettert worden. In den letzten Jahren, der Haupthorst im Gschlöß, wird mehr oder weniger von zwei Eiswasserfällen umrahmt und da kommen natürlich Kletterer sehr, sehr nahe an den Horst hin, eben so nahe, dass eine Brut eben faktisch unmöglich wäre. Und jetzt hat's Gesetzesänderung vor zwei Jahren in Tirol gegeben. Heuer ist erstmalig eben so eine artenschutzrechtliche Schutzzone ausgewiesen worden. Das heißt, wir haben nicht Betretungsverbot im Tal. Da geht's einfach nur darum, dass ein Eiswasserfall, dass dort nicht mehr geklettert wird während der Brutzeit.

00:19:57: ,344 [Christine Brugger (Moderatorin)] Seit der ersten Freilassung vor vierzig Jahren wurden über zweihundertsechzig junge Bartgeier in den Alpen ausgewildert. Allein in Österreich waren es dreiundsechzig. 2010 schlüpfte im Krumltal der erste Jungvogel in freier Wildbahn in Österreich. Heute beteiligen sich am europäischen Erhaltungszuchtprogramm Zoos und Zuchtstationen in Österreich, Spanien, Frankreich und der Schweiz, sowie weitere achtunddreißig Tiergärten in ganz Europa.

00:20:30: ,764 [Christine Brugger (Moderatorin)] Mit der Rückkehr der Bartgeier gibt es nicht nur mehr Biodiversität, sondern auch mehr ökologisches Gleichgewicht.

00:20:38: ,564 [Richard Zink] Der Bartgeier hat ganz wichtige ökologische Funktionen. Wenn wir Kadaver, sei es durch Lawinen, durch Blitzschlag oder wie immer, im Hochgebirge haben, so ist es wichtig, dass diese Kadaver rasch beseitigt werden. Und, äh, da helfen verschiedene Arten zusammen: Der Steinadler, der Fuchs, wenn man die Wölfe lässt, auch die Wölfe. Und erst wenn der Kadaver fast schon gänzlich beseitigt wird, äh, tritt der Bartgeier in dieses Spiel ein und beseitigt dann die Knochen. Und das ist ganz essenziell, denn im Endeffekt leben wir Menschen ja auch von dem Wasser, was am Berg versickert. Und da wollen wir also kein Seuchengeschehen und Geier spielen hier eine ganz besonders wichtige Rolle.

00:21:23: ,003 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wenn wir jetzt ein vierzigjähriges Jubiläum feiern, dann müssen wir auch darüber nachdenken, wie aufwendig dieses Projekt war. Hat es sich gelohnt?

00:21:34: ,044 [MIchael Knollseisen] Ja, auf jeden Fall. Wir haben heute in den Alpen zwischen vierhundert und fünfhundert Bartgeier. Allein im letzten Jahr waren über hundert junge Bartgeier, die ausgeflogen sind. Und, äh, es ist heute so, dass man zumindest im Hochgebirge in den Alpen eigentlich überall wieder Bartgeier sehen kann. Und der Bartgeier ist in so einem Status jetzt in den Alpen, dass man sagt, es ist relativ garantiert, dass der in den nächsten Jahren, Jahrzehnten nicht wieder aussterben wird.

00:21:59: ,864 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bringt er uns? Was bringt er uns Menschen?

00:22:01: ,844 [MIchael Knollseisen] Der Bartgeier gehört einfach zu unserer Landschaft dazu, wie der Steinbock, der Steinadler. Ich glaube, man muss nicht immer sagen, was bringt er uns. Ich finde auch, das ist doch gewissermaßen eine Verpflichtung. Wir haben halt heute die Möglichkeiten, sowohl finanziell als auch vom Arbeitsaufwand her. Es ist ja ein großes Projekt, das über lange Jahre läuft. Mit dem Geld hätte man vielleicht irgendwo drei Kilometer Autobahn gebaut, was das Projekt in vierzig Jahren gekostet hat. Also wir können uns das leisten und, äh, ich find's einfach was Schönes, dass der Bartgeier wieder da ist. Es gibt ganz viele Leute, die einfach schon sehr begeistert das Projekt seit vierzig Jahren verfolgen und das hat sich auf jeden Fall gelohnt.

00:22:38: ,264 [Richard Zink] Das Bartgeier-Projekt ist allein schon aufgrund seiner internationalen Dimension, aufgrund der Notwendigkeit wissenschaftlichen Know-hows insgesamt sicherlich ein teures Projekt. Und ich möchte vielleicht es anders formulieren und sagen: Zahlt es sich wirklich aus, eine Art auszurotten?

00:22:57: ,014 [Christine Brugger (Moderatorin)] Aber kommen wir zurück zur altehrwürdigen Bartgeier-Dame in Haringsee. Mittlerweile ist sie blind und taub. Ihr Gefieder ist dunkel geworden und Hans Frey gönnt ihr einen komfortablen Ruhestand.

00:23:12: ,804 [Hans Frey] Das ist selbstverständlich, wenn man mit einem Vogel vierzig, fünfzig Jahre gelebt hat und täglich gesehen hat, ja, dann schafft man es einfach nicht, so hart zu sein, dass man sagt: „Okay, der Vogel hat keinen Wert mehr, den euthanasier’ ich." Ja. Aber bei Tieren, die ja wirklich ihr Leben für dieses Projekt gegeben haben, zwar nicht freiwillig, kriegt man eine Beziehung, klarerweise, und dann kann man so was nicht tun. Ja, also wir sind sozusagen das Pensionistenheim im Bartgeier-Projekt, wo wir alle uralten Tiere, die irgendwo in einem Zoo gelebt haben, dann aber verwitwet wurden, weil die Partnerin verstorben ist, die holen wir her. Ein Großteil unseres Bestandes besteht aus solchen sehr alten Tieren und werden hier weiter versorgt, klarerweise.

00:23:54: ,624 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wo man sie sehen kann, die Bartgeier? Eigentlich zu jeder Jahreszeit im Nationalpark Hohe Tauern. Am besten in Begleitung eines Rangers oder einer Rangerin, denn die wissen ganz genau, wo man die Tiere beobachten kann. Meine erste Begegnung fand übrigens beim Grantenklauben statt, als ich an einem sonnigen Oktobertag auf einem Steilhang im Gschlößtal unterwegs war. Plötzlich kam er angesegelt, der Bartgeier, und seine knapp drei Meter Spannweite haben mich zutiefst beeindruckt, sogar ein bisschen erschreckt. Mit diesem Bild verabschiedet sich Christine Brugger für heute. Danke für euer Interesse und bis zur nächsten Ausgabe von "Aufgehorcht".

00:24:40: ,624 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Outro-Musik] Das war "Aufgehorcht", ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser, vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.

00:24:59: ,814 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Vogelgezwitscher

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