#007Wie aus Widerstand Vertrauen wuchs

Shownotes

Folge: Die Entstehung des Nationalparks Hohe Tauern Podcast: Aufgehorcht Der Nationalpark Hohe Tauern ist heute ein internationales Vorzeigeprojekt – doch sein Weg dorthin war lang und konfliktreich.

In dieser Folge blicken wir zurück auf die entscheidenden Jahrzehnte seiner Entstehung:

Darum geht’s in dieser Folge: Die Heiligenbluter Vereinbarung (1971) als politischer Startpunkt Warum viele Menschen anfangs große Angst vor Verboten hatten Der Konflikt zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Wasserkraft Wie Überzeugungsarbeit statt Zwang zum Erfolg führte Die Rolle von Pionieren wie August Prinzinger, Albert Wirth und dem Alpenverein Warum der Nationalpark heute ein international anerkanntes Erfolgsmodell ist

Zeitzeugen erzählen von: Skepsis und Widerstand in der Bevölkerung Persönlichen Angriffen und politischen Spannungen Mutigen Entscheidungen für den Schutz der Natur Dem schwierigen Spagat zwischen Nutzung und Erhaltung

Zentrale Konflikte Wasserkraftprojekte vs. unberührte Natur Eigentumsrechte vs. Schutzgedanke Emotionen, Fake News und Misstrauen Warum das heute noch relevant ist Würde ein Projekt dieser Größenordnung heute noch gelingen? Was wir aus den damaligen Konflikten lernen können Warum Naturschutz ohne Akzeptanz nicht funktioniert

Fazit Der Nationalpark Hohe Tauern ist mehr als ein Schutzgebiet: Er ist ein Beispiel dafür, wie aus Widerstand Vertrauen wachsen kann – und wie nachhaltige Lösungen entstehen, wenn Menschen miteinander reden statt gegeneinander arbeiten.

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00:00:01: ,550 [Friedl Schneeberger (Gast)] Alle Skeptiker haben gesagt, mit einem Nationalpark wird überhaupt alles abgewürgt und verboten. Vom Jagdverbot über Bewirtschaftungsverbot bis Betretungsverbot. Es wird also alles unter eine Käseglocke gestellt und wir seien dann ein Indianerreservat, so ähnlich wie man es von Erzählungen aus Amerika gekannt hat.

00:00:22: ,540 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] "Aufgehorcht", der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.

00:00:34: ,820 [Christine Brugger (Moderatorin)] Am Anfang des Nationalparks Hohe Tauern stand die Heiligenbluter Vereinbarung. Der 21. Oktober 1971 gilt als Geburtsstunde. Damals bekannten sich die drei Landeshauptleute von Kärnten, Salzburg und Tirol zur Schaffung eines länderübergreifenden Nationalparks in den Hohen Tauern. "Servus", sagt Christine Brugger zur aktuellen "Aufgehorcht"-Folge, die sich mit der Entstehung des Nationalparks Hohe Tauern befasst. Dazu habe ich Zeitzeugen wie den ehemaligen Kärntner Landesrat Max Rauscher getroffen und den ersten Tiroler Nationalparkdirektor Hermann Stotter. Auch Friedl Schneeberger, Bauernfunktionär aus Matrei in Osttirol, hat diese Zeit hautnah miterlebt und Liliana Dagostin vom Österreichischen Alpenverein liefert den historischen Hintergrund. Von der Heiligenbluter Vereinbarung bis zu ihrer vollständigen Umsetzung sollte es mehrere Jahrzehnte dauern. 1981 machte Kärnten als erstes Bundesland den Anfang. Max Rauscher, damals Umweltlandesrat, erinnert sich.

00:01:48: ,400 [Max Rauscher (Gast)] Der Sinn war ja, dass die Landwirtschaft weiterlaufen sollte, so wie sie bisher gemacht wurde, aber immer unter der Beachtung, dass der Schutz im Vordergrund steht. Das war eigentlich eine recht schwierige Arbeit mit den Bauern, die ja nicht so schnell zu begeistern sind. Also die privaten Grundbesitzer sind immer misstrauisch und werden auch immer sein, weil man sagt, ich möchte so wirtschaften, wie ich das will und nicht, wie mir das vorgegeben wird. Aber ich glaube, hier geht es darum, dass man die Leute überzeugt, also nicht überredet, sondern überzeugt und das ist uns vielseitig gelungen.

00:02:27: ,160 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ihnen war es ein ganz persönliches Anliegen, diesen Nationalpark gut auf den Weg zu bringen. Was hat Sie motiviert?

00:02:35: ,960 [Max Rauscher (Gast)] Ja, die Motivation war eigentlich, dass ich gesehen habe, dass man mit der Umwelt leichtfertig umgeht

00:02:43: ,860 [Max Rauscher (Gast)] und wo ich der Meinung war, wir sollten alles tun, um, äh, diese Landschaft zu erhalten, so wie sie jetzt ist, dass wir das auch den Kindern übergeben können.

00:02:54: ,860 [Christine Brugger (Moderatorin)] Nun waren Sie sozialdemokratischer Landesrat und die Grundeigentümer höchstwahrscheinlich allesamt ÖVP-Wähler. Wie haben die einen Nicht-Landwirt, noch dazu einen Roten, akzeptiert?

00:03:10: ,880 [Max Rauscher (Gast)] Ja, das hat interessante Diskussionen gegeben. Wenn man aber aus dem bäuerlichen Bereich, und ich, hab eine kleine Landwirtschaft zu Hause gehabt, wo man also wusste, wie geht man mit einer Kuh um, wie, wie mache ich das mit den Schweinen und so weiter. Und dann muss man das den Leuten erzählen und dann glauben sie einem. Und wenn ich, äh, etwas gesagt habe, ich habe ja auch Wort gehalten. Und das hat dann, glaube ich, den Durchbruch gebracht, dass sie mir vertraut haben. Wenn man's heute betrachtet, muss man sagen: Gott sei Dank, dass wir damals so früh waren.

00:03:50: ,760 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Idee eines Schutzgebietes ist aber schon viel älter und geht auf den Verein Naturschutzpark mit Sitz in Stuttgart und den Salzburger Landtagsabgeordneten August Prinzinger zurück. Prinzinger war Jurist, Volkskundler, Naturschützer und der österreichische Vertreter des deutschen Vereins. Er besuchte bereits Ende des 19. Jahrhunderts auf Reisen nach Nordamerika die dortigen Schutzgebiete. Im Jahr 1913 erwarb der Verein mit Unterstützung Prinzingers Gebiete im Stubach und im Felbertal. Später wurden diese eingetauscht gegen Flächen in den Sulzbachtälern bei Neukirchen am Großvenediger. Der Grundstein für den Nationalpark Hohe Tauern war gelegt. Wenige Jahre später, 1918, trat mit Albert Wirth der nächste Visionär in Aktion. Liliana Dagostin, Leiterin der Abteilung Naturschutz und Raumordnung beim Österreichischen Alpenverein, weiß mehr über die Initiative des Kärntner Holzhändlers.

00:04:57: ,120 [Liliana Dagostin (Gast)] Albert Wirth war ein einfaches Mitglied des Österreichischen Alpenvereins und er hatte damals mitverfolgt, dass unmittelbar vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Großindustrieller das gesamte Gebiet um den Großglockner absperren wollte und dort eine große Jagd für Gamswild einrichten wollte. Und nach dem Krieg ist er dann an den Alpenverein herangetreten und hat darauf hingewiesen, dass das Grundstück seiner Frau und deren Schwestern gehört. Er hat bei seiner Frau dafür geworben, dieses Grundstück dem Alpenverein zu verkaufen und dem Alpenverein, der damals eben wenige Mitglieder hatte und damit auch wenig Geld, hat Albert Wirth das Geld zur Verfügung gestellt, um genau dieses Grundeigentum zu erwerben. Allerdings mit der Bitte, der Alpenverein möge darauf dann ein Schutzgebiet einrichten, zeitgleich allerdings auch die Begehbarkeit des Großglockners ermöglichen. Der Alpenverein hat dann 1936 den ersten Antrag gestellt, es möge auf seinen Flächen im Kärntner Anteil des Nationalparks ein Naturpark eingerichtet werden. Und das ist dann auch geglückt. Das hat dann der Alpenverein auch 1936 geschafft.

00:06:11: ,620 [Christine Brugger (Moderatorin)] Der Alpenverein hat aber noch weitere Flächen in den Nationalpark eingebracht.

00:06:16: ,332 [Liliana Dagostin (Gast)] Unmittelbar danach ist dann 1938 und 39 eigentlich die große Fläche dazugekommen. Wir sprechen von der Südabdachung des Großvenedigers, von dem gesamten Grundbesitz in der Gemeinde Kals am Großglockner. Die wurden dann später erworben und standen somit dem Alpenverein, der ja damals auch schon Naturschutzorganisation war, zur Verfügung, um auch dort diesen großen Schutzgedanken in die Tat umzusetzen.

00:06:44: ,672 [Christine Brugger (Moderatorin)] Im Bundesland Salzburg wurden 1984 die Nationalparkflächen ausgewiesen und zugleich den Plänen, die Krimmler Ache nach Wild Gerlos in ein Wasserkraftwerk abzuleiten, damit die Krimmler Wasserfälle quasi trocken zu legen, eine Absage erteilt. Die Geschichte des Nationalparks Hohe Tauern ist also eng verknüpft mit der Frage von Erschließungen und energiewirtschaftlichen Nutzungen?

00:07:11: ,252 [Liliana Dagostin (Gast)] In der Tat ist es genauso. Auf jeder Seite des heutigen Nationalparks wurden Wünsche laut, die Wässer energiewirtschaftlich zu nutzen und auch Skigebiete zu errichten, vor allem Gletscherskigebiete. Und es ist

00:07:27: ,112 [Liliana Dagostin (Gast)] auch, nicht nur, aber auch den Naturschutzorganisationen, den Naturfreunden mit ihrem Grundbesitz in Kolm-Saigurn, es ist der Naturschutzbund rund die Krimler Wasserfälle und dem Alpenverein, aber auch dem Verein Naturparke aus Stuttgart zu verdanken, dass diese Flächen, auf denen sie ein Grundeigentum innehatten, keine energiewirtschaftliche Nutzung und keine skitechnische Nutzung erfolgen konnte.

00:07:57: ,572 [Christine Brugger (Moderatorin)] Dieser Konflikt, Wasserkraft oder Naturschutz, wurde in Osttirol besonders lange und heftig ausgetragen. Friedl Schneeberger, langjähriger Vertreter der Grundeigentümer im Nationalparkkuratorium, war in den 1970er Jahren Jungbauernfunktionär.

00:08:16: ,492 [Friedl Schneeberger (Gast)] Bei uns hat das auch einmal sicher eine Rolle gespielt, das große Unglück im Piavetal, wo also auf einmal auch unseren Leuten die Augen geöffnet wurden, dass mit Wasserkraft und den großen Stauwerken auch große Gefahren verbunden sind. Das war vorher überhaupt nicht in den Köpfen da. Plötzlich hat mit dem gewaltigen Ereignis von Longarone die Welt auch für uns anders ausgeschaut und vor allem die unmittelbar unter dem geplanten Stausee Wohnenden in Kals hat sich die Skepsis vor allem bei den Bäuerinnen sehr stark breit gemacht und die sind auch sehr mutig aufgetreten. Es hat ja immer wieder Besichtigungen und verschiedenste Konferenzen im Bezirk gegeben zu diesen Themen, wo dann immer stärker spürbar wurde, dass auch zu den überzogenen Vorstellungen der Energiewirtschaft Skepsis wächst, nicht nur wegen dem Stauraum im Kalser Dorftal, sondern mit den umfangreichen Beileitungen, die dann passiert wären. Schließlich hat man nicht nur auf die Tauerntäler zurückgegriffen, sondern es sollten bis zur Schwarzach alle hochgelegenen Gebirgsbäche in diesen Speicher einfließen und das war für uns derart unakzeptabel. Und in Matrei konkret ist dann der Plan aufgetaucht, die ganze Hinteraue einfach als Ausgleichsbecken zu nutzen. Für uns ein Schlag ins mitte Gesicht. Über hundert Hektar ebener Grund, den man erst relativ kurze Zeit vorher wieder kultiviert hatte, auf einen Schlag wieder weg. Und da ist immer mehr Widerstand entstanden nachher rundherum und Gott sei Dank hat man nachher den Argumenten, den wir also für Nationalpark ins Treffen geführt haben, immer mehr Gewicht beigemessen.

00:10:11: ,672 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was waren eure wichtigsten Anliegen, eure wichtigsten Forderungen?

00:10:17: ,332 [Friedl Schneeberger (Gast)] Für mich war also in der Entstehungsphase ganz, ganz wichtig, dass man also von den Vorstellungen her, wir machen einfach einen Nationalpark, wo man die Grenzen einfach in einen Plan einzeichnet und damit ist der Nationalpark fertig. Das war für uns unmöglich. Für uns ein Grundprinzip war das Prinzip der Freiwilligkeit, dass nur jene in den Nationalpark aufgenommen werden, die also ihre Grundstücke freiwillig einbringen. Für uns war es dann auch wichtig, dass man Schützen und Nutzen auf gleiche Ebene stellt und vor allem wollten wir mitreden. Sehr stark in das Vakuum der Unwissenheit hineingestoßen, haben natürlich alle Skeptiker: Mit einem Nationalpark wird überhaupt alles abgewirkt und verboten. Vom Jagdverbot über Bewirtschaftungsverbot bis Betretungsverbot. Es wird also alles unter eine Käseglocke gestellt und wir kriegen nachher ein Indianerreservat, so ähnlich wie man es von Erzählungen aus Amerika gekannt hat. Aber wir haben von allem Anfang an gesagt, wenn wir etwas erreichen wollten, dann nur, wenn wir mit eigenen Vorstellungen mitreden. Und wir haben uns nicht nur mit dem Rücken zur Wand gestellt, um das alles abzuwehren, sondern wir haben versucht, selber Vorstellungen zu entwickeln, wie ein Nationalpark ausschauen müsste, mit dem auch wir gut leben können.

00:11:52: ,471 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was heute nostalgisch klingen mag, bedeutete für die Befürworter des Nationalparks, die in der Region lebten, eine tägliche Konfrontation mit falschen Behauptungen. Heute würde man fake news sagen und persönlichen Angriffen.

00:12:08: ,412 [Friedl Schneeberger (Gast)] Das war unheimlich angespannt alles. Das ist dann von Seiten der Prägratner Bauern so weit gegangen, dass man mich als Bauernverräter hingestellt hat und bei einer Versammlung

00:12:20: ,696 [Friedl Schneeberger (Gast)] Wo also der Landesrat Eberle damals die ganzen Gemeinden abgegrast hat, die also einen Beitrag für den Nationalpark leisten sollten. In Pregarten, da haben wir keinen Stuhl bekommen zum Niedersitzen. Also wir mussten daneben stehen und froh sein, dass sie uns nicht hochkantig rausgeschmissen haben.

00:12:37: ,236 [Christine Brugger (Moderatorin)] Dagegen setzte das Land Tirol eine Infokampagne. Gemeinsam mit dem schon genannten Landesrat Eberle klapperte der spätere Nationalparkdirektor Hermann Stotter die Gemeinden ab, um für den Nationalpark zu werben und mit der Bevölkerung zu diskutieren.

00:12:55: ,116 [Hermann Stotter (Gast)] Ja, der Tiroler Weg, äh, zur Währung des Nationalparks Hohe Tauern war gekennzeichnet durch eine Art partnerschaftliche Vorgangsweise, indem man sowohl die Gesetzeswertung sehr auf breiter Basis diskutiert und erörtert hat, die einzelnen Bestimmungen, als auch dann bei der Abgrenzung des Schutzgebietes ein Anhörungsverfahren anberaumt hat, bei dem jeder Grundbesitzer vorgeladen wurde, sich zu äußern, ob seine Flächen eingebracht werden können oder auch nicht. Hier wurde diese freiwillige Einbeziehung von Schutzgebietsflächen einfach vorrangig gesehen.

00:13:34: ,016 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie war die Stimmung prinzipiell?

00:13:37: ,996 [Hermann Stotter (Gast)] Die Stimmung war von hoher Skepsis, äh, geprägt, bis hin zur völligen Ablehnung, von einzelnen Grundeigentümern bis hin zu politischen Vertretern, sehr unterschiedlich. Und es war damals eine wesentliche Aufgabe, dieses Misstrauen oder diese Skepsis zu brechen und mit entsprechenden Informationen sozusagen Sicherheit zu geben und auch Vertrauen zu gewinnen.

00:14:03: ,836 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie gelang denn dieser Spagat zwischen landwirtschaftlicher Nutzung und Naturschutz?

00:14:10: ,296 [Hermann Stotter (Gast)] Das Nationalparkgesetz Hohe Tauern hat eine wesentliche Zielsetzung, indem die Erhaltung und Pflege der Kulturlandschaft gleichrangig zu sehen ist wie der Schutz der Natur. Und diese zwei Zielsetzungen haben sich letztendlich auch in der Abgrenzung des Schutzgebietes in Form einer Kernzone und einer Außenzone, einer sogenannten Pufferzone, wiedergefunden. Und damit hat man auch dem Grundbesitzer Sicherheit gegeben, dass die Almwirtschaft und die Pflege der Kulturlandschaft, der Bergwiesen und Almanger, dass diese Pflege auch vorrangig ist und auch entsprechend durch Fördermaßnahmen unterstützt werden soll als Gegenleistung für das Einbringen der Flächen in das Schutzgebiet.

00:15:02: ,276 [Christine Brugger (Moderatorin)] 1992 war dann mit Tirol auch das dritte Bundesland bereit, fehlte nur noch die juristische Grundlage auf Bundesebene. Während Naturschutz in Österreich prinzipiell Ländersache ist, stellen Nationalparks eine Ausnahme dar. Für sie ist die Unterzeichnung eines Staatsvertrags vorgesehen, die sogenannte 15-A-Vereinbarung zwischen Bund und Ländern. Der Erste wird für einen österreichischen Nationalpark 1994 von Kärnten, Salzburg und Tirol für den Nationalpark Hohe Tauern unterzeichnet. Österreich hat seinen ersten und größten Nationalpark. Der nächste Meilenstein war die internationale Anerkennung durch die IUCN, die Weltnaturschutzorganisation. Auch diese fand in den Bundesländern zeitlich versetzt statt. 2001 in Kärnten, 2006 folgten Salzburg und Tirol. Warum war die Anerkennung als Nationalpark Kategorie II so wichtig?

00:16:08: ,116 [Hermann Stotter (Gast)] Weil unser Partner, das Bundesministerium, sich zum Ziel gesetzt, alle österreichischen Nationalparke, die gerade in der Gründung waren, auch nach diesen internationalen Kriterien zu entwickeln, so auch für den Nationalpark Hohe Tauern wurde dieses Ziel ausgegeben. Die Herausforderung dabei war natürlich, die Kernzone so zu definieren, dass im Wesentlichen über fünfundsiebzig Prozent dieser Fläche völlig außer Nutzung gestellt wird. Das heißt, außer jagdwirtschaftlichen Nutzung und außer weidewirtschaftlicher Nutzung und die Außenzone als Pufferzone für den Nationalpark Hohe Tauern ihren Stellenwert weiterhin besitzen sollte.

00:16:55: ,416 [Christine Brugger (Moderatorin)] Diese Anforderung hat es bis dahin ja nicht gegeben. Wie hat man das gelöst?

00:17:02: ,876 [Hermann Stotter (Gast)] Man hat, äh, Pilotprojekte gestartet, erste Jagden angepachtet, um zu evaluieren, ob unter wissenschaftlicher Begleitung es möglich ist, diese Kernzone oder diese Flächen, sozusagen Teile davon, außer Nutzung zu stellen und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Daraus hat man lernen können und einen Weg finden können, wo die Überzeugung gereift ist, dass diese Kernzone als Naturzone natürlich entwickelt werden kann.

00:17:32: ,796 [Christine Brugger (Moderatorin)] Auch diese Entwicklung wurde gemeinsam mit Vertreterinnen, Vertretern der Landwirtschaft und Jagd verhandelt. Wie viel Zeit und Diplomatie hat es da gebraucht?

00:17:44: ,416 [Hermann Stotter (Gast)] Es hat viele, viele Anläufe gebraucht, um vor allem die Kritiker in der Jägerschaft zu überzeugen, dass das ein gangbarer Weg sein kann, um den Nationalpark nach internationalen Kriterien zu entwickeln. Es hat aber auch Befürworter gegeben, vor allem unter den Grundbesitzern, die hier vertrauensbildende Maßnahmen gesetzt haben, auch Richtung ihrer Vertragspartner Jagd, dass dieser Weg möglich sein wird. Letztlich wurden dann auch im Wege des Vertragsnaturschutzes viele Vereinbarungen getroffen mit den Grundbesitzern und den Jagdberechtigten, äh, sodass diese Flächen für den Nationalpark gewonnen haben werden können.

00:18:24: ,044 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die internationale Anerkennung liegt nun schon wieder zwanzig Jahre zurück. Wie steht der Nationalpark heute da in der Anerkennung durch die Bevölkerung, durch die Grundbesitzer, durch die Gemeinden?

00:18:39: ,464 [Hermann Stotter (Gast)] Nach zwanzig Jahren können wir mit Recht sagen, dass gerade durch die internationale Anerkennung eine riesige Aufwertung des Schutzgebietes, äh, vonstatten gegangen ist. Eine Aufwertung in Form einer höheren Akzeptanz in der Bevölkerung, eine Aufwertung auch in Bekanntheitsgrad und letztendlich auch eine Aufwertung in der Naturschutzarbeit des Schutzgebietes.

00:19:02: ,324 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie schaut's mit der Wahrnehmung in Österreich und darüber hinaus aus?

00:19:07: ,524 [Hermann Stotter (Gast)] Ja, der Nationalpark Hohe Tauern hat ja eine lange Geschichte bereits und, äh, so ist auch der Bekanntheitsgrad mittlerweile ein sehr hoher, sowohl in Österreich als auch über die österreichischen Grenzen hinaus. Wir wissen, dass in etwa fünfzig Prozent aller Gäste, die zu uns kommen, die den Nationalpark besuchen, dass das ein entscheidendes Buchungsmerkmal ist. Und das ist ein sehr hoher Wert im Vergleich zu vielen europäischen Nationalparken.

00:19:34: ,444 [Christine Brugger (Moderatorin)] Womit wir in der Schlussrunde angekommen wären. Wie würde Osttirol heute wohl ohne den Nationalpark Hohe Tauern ausschauen, Friedl Schneeberger?

00:19:44: ,574 [Friedl Schneeberger (Gast)] Hätte es, äh, nicht Bemühungen um einen Nationalpark gegeben, hätten wir früher oder später, wenn auch vielleicht nicht in der Mammutform, äh, eine starke Kraftwerksnutzung auch im Bezirk erfahren. Ich schaue oft über die Grenzen hinweg ins Salzburgische, wo man ja schon im Vorfeld vor dem Nationalpark Diskussion geführt hat, genauso wie in Kärnten große Kraftwerksprojekte und Tourismusprojekte realisiert hat, siehe Kaprun. Ob bei uns Ähnliches passiert wäre, wage ich zu bezweifeln. Aber sicherlich hätte dann die Kraftwerkslobby entsprechend Übergewicht bekommen und wäre wahrscheinlich das eine oder andere Projekt gekommen, ob wir das gewollt hätten oder nicht.

00:20:31: ,364 [Christine Brugger (Moderatorin)] An Max Rauscher und Hermann Stotter die Frage, ob die Schaffung eines eintausendachthundert Quadratkilometer großen Schutzgebietes heute überhaupt noch möglich wäre?

00:20:42: ,804 [Max Rauscher (Gast)] Für mich nicht, nein. Ich sehe, es wird immer schwieriger, weil der Egoismus derart stark zunimmt und die Verbundenheit der Menschen untereinander nicht mehr so gegeben ist.

00:20:53: ,364 [Hermann Stotter (Gast)] Eine ehrliche Antwort: Ich glaube nein. Und trotzdem, diese Arbeit, diese langjährige Arbeit vieler, vieler Mitarbeiter und Verantwortungsträger in den drei Regionen Kärnten, Salzburg und Tirol hat sich mit Sicherheit gelohnt.

00:21:10: ,744 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und von Liliana Dagostin möchte ich wissen, was der teils mühsame Prozess der Entstehung des Nationalparks Hohe Tauern aus heutiger Perspektive bedeutet.

00:21:20: ,864 [Liliana Dagostin (Gast)] Heute ist er eines der wichtigsten Schutzgebiete, aber er ist viel mehr. Er ist ein Erfolgsmodell nicht nur für Tirol. Er ist ein Erfolgsmodell weit über Österreich hinaus, würde ich sagen, dieser hochalpine Nationalpark, auf den wir alle stolz sind und an dem sich sehr viele auch Anleihe nehmen können.

00:21:38: ,324 [Christine Brugger (Moderatorin)] Genau das ist ja passiert. Weitere fünf Nationalparke in Österreich sind entstanden, oft im Widerstand gegen geplante große Eingriffe in die Natur und immer mit dem Ziel, das Naturerbe Österreichs zu schützen. Aber einen Meilenstein in der Nationalparkgeschichte gilt es noch hervorzuheben: das Wildnisgebiet Sulzbachtäler im Salzburger Teil des Nationalparks Hohe Tauern. 2019 als erst zweites Schutzgebiet der IUCN Kategorie I b in Österreich anerkannt, gilt es hier, die ökologische Integrität zu erhalten. Es wird nicht eingegriffen, weder lenkend noch korrigierend. Als Schutzgebiet höchster Güte bleiben mehr als siebenundsechzig Quadratkilometer unberührt von jagdlicher und sonstiger Nutzung in ihrer Ursprünglichkeit für die Nachwelt erhalten. Vierzig Prozent der Flächen liegen übrigens im Untersulzbachtal und sechzig Prozent im Obersulzbachtal. Dort hat der eingangs genannte Verein Naturparke im Jahr 2016 seinen Besitz an den Salzburger Nationalparkfonds verkauft und damit schließt sich der Kreis einer über einhundertjährigen Naturschutzgeschichte mit einem Wildnisgebiet.

00:23:03: ,904 [Christine Brugger (Moderatorin)] Mit einem Gefühl der Ehrfurcht vor den vielen Gründervätern und -müttern des Nationalparks Hohe Tauern – alle konnten heute nicht genannt werden – verabschiedet sich Christine Brugger. Danke fürs Zuhorchen und bis zum nächsten Mal.

00:23:20: ,444 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war "Aufgehorcht", ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser, vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.

00:23:40: ,054 [Speaker 6] Outro-Musik]

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