#005 Bergbau: Vom harten Leben und den Wunden der Berge
Shownotes
Bergbau, Bodenschätze und Umweltfolgen im Nationalpark Hohe Tauern
Inhalt & Schwerpunkte: • Das Tauernfenster als geologische Grundlage für den Rohstoffreichtum • Frühe Nutzung der Alpen: Jagd, Bergkristall und erste Bergwerke • Kupferabbau seit der Bronzezeit – Technik ohne Sprengstoff • Goldbergbau von Kelten und Römern bis zum Boom im 16. Jahrhundert • Leben der Knappen: soziale Absicherung, Frauen- und Kinderarbeit • Bergbau im Hochgebirge: Arbeiten zwischen 2.000 und 3.000 Metern Seehöhe • Aufbereitung von Erzen: hoher Holzbedarf, Holzkohle und Rauch • Massive Entwaldung als Folge des Bergbaus • Waldordnungen und Konflikte zwischen Bergbau, Bauern und Obrigkeit • Umweltverschmutzung in vorindustrieller Zeit: belastete Almen, verendendes Vieh • Niedergang des Bergbaus durch hohe Kosten, Tiefe der Gruben und globalen Handel • Spuren in der Landschaft: Halden, Stollen, Knappenhäuser • Heute: Touristische Nutzung, Wolframabbau in Mittersill und Schutz durch den Nationalpark Expert:innen in der Folge: • Waltraud Moser-Schmidl – Archäologin (Pinzgau) • Manuel Vielgut – Historiker (Goldbergbau) • Harald Stadler – Archäologe (Osttirol) Unterwegs auf historischen Spuren: • Smaragdweg im Habachtal • Tauerngoldweg • Großes Zirknitztal • Frossnitztal mit Knappenhäusern • Goldwaschstelle im Fleißtal (offiziell & geregelt)
Der Nationalpark bewahrt heute eine Landschaft, deren Geschichte mahnt, wie eng Natur, Nutzung und Verantwortung miteinander verbunden sind.
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00:00:02: ,540 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Das liegt an der geologischen Besonderheit der Hohen Tauern. Dieses Tauernfenster, wie man es geologisch sagt, ist uns eine ganze Vielfalt an Mineralien und Erzen geschenkt hat.
00:00:15: ,900 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht. Der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.
00:00:26: ,740 [Christine Brugger] Die Geschichte des Bergbaus in den Hohen Tauern und die Besiedlungsgeschichte der heutigen Nationalparkregion hängen eng miteinander zusammen. Christine Brugger begrüßt zu einer “Aufgehorcht-Ausgabe”, die sich Ober und Unter Tage, von der Kupferzeit bis heute, mit den Bodenschätzen und ihrer Nutzung beschäftigt. Wir wandern quer durch den Nationalpark Hohe Tauern, vom Pinzgau über den Alpenhauptkamm ins Mölltal und wieder hinauf ins Frosnitztal, sind in Tirol, Kärnten und Salzburg unterwegs und treffen in Mittersill die Archäologin Waltraud Moser Schmidl. Von ihr möchte ich wissen: “Was hat die Menschen lange vorm Alpinismus und Bergtourismus in die hohen Regionen des Nationalparks gebracht?”
00:01:14: ,260 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Also wir kennen schon sehr früh Beispiele, dass die Menschen in den Hohen Tauern waren, zum Beispiel der Hirschbichl im Defereggental, wo eine Jägerstation gefunden wurde. Ungefähr 7000 bis 9000 Jahre vor heute. Aber auch am Felbertauern hat man Spuren, Hinweise gefunden, dass zu so einem frühen Zeitpunkt die Menschen über die Berge gegangen sind. Man ist aus Jagdgründen in die Berge gekommen, hat Tiere beobachtet, gejagt, hat saisonale Jägerstationen gemacht, um dort zu lagern. Und man hat aber auch die Vorkommen, die Mineralien der Region genutzt, da man eben zur Werkzeugherstellung auch Bergkristall genutzt hat. Und nicht unweit des Nationalparks im Zillertal hat man sogar ein mittelsteinzeitliches Bergwerk, sozusagen für Bergkristall, gefunden.
00:02:13: ,120 [Christine Brugger] Wenn wir heute über die Bodenschätze im Nationalpark reden, fällt uns der Bergkristall nicht als Erstes ein. Warum war der auch dann später zu Römerzeiten so bedeutend?
00:02:24: ,820 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Da man aus diesem schönen Material Gefäße geschliffen hat. Und man hat sie aber auch für optische Linsen benutzt. Das wussten schon die Römer. Und gerade im Mittelalter oder in der Frühen Neuzeit wurden ganz prunkvolle Gefäße gearbeitet. Also wenn man die Schatzkammer im Kunsthistorischen Museum in Wien anschaut, alles was da nach Glas ausschaut, ist das Meiste aus Bergkristall gemacht worden. Und der muss doch von irgendwoher kommen. Und wir wissen ja, dass die Hohen Tauern gerade eine Region sind mit ganz vielfältigen Mineralien und Erzvorkommen.
00:03:02: ,549 [Christine Brugger] Womit wir bei Gold, Silber und Kupfer angelangt wären. Der Kupferabbau hat im Pinzgau eine große Rolle gespielt.
00:03:11: ,019 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Der hat generell eine große Rolle gespielt, da Kupfer in der Bronzezeit Bronze ist eine Legierung aus Kupfer, neun Teile dieses Materials, dieser Legierung ausgemacht hat. Und da hat man schon in der Bronzezeit den Nachweis, dass diese Kupfervorkommen abgebaut wurden. Aber es ist ganz schwierig nachzuweisen, wie alt ist jetzt dieser Abbau? Weil bis gesprengt wurde, im 17. Jahrhundert, war die Abbaumethode die Gleiche mit Schlegel und Eisen. Und ob das jetzt ein Bronzeschlegel ist und ein Bronzehammer oder ein Eisenhammer, das kann man an der Abbauspuren nicht erkennen. Andere Methode war je nach Muttergestein wie man sagt das umgebende Gestein war, dass man durch Feuer das Gestein mürbe gemacht hat und dann einen Abbruch hat machen können, einen Abbau. Und das kann man dann ein paar 1000 Jahre nicht unterscheiden. Erst wenn man richtig Sprengungen hat, dann weiß man, man ist definitiv in der Neuzeit. Also ein mittelalterlicher Abbau lässt sich nicht von einem prähistorischen Abbau unterscheiden.
00:04:19: ,820 [Christine Brugger] Und wahrscheinlich ist das Wissen ja auch von Generation zu Generation weitergegeben worden, dass dort etwas zu schürfen ist, dass es dort etwas zu entdecken gibt.
00:04:31: ,240 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Also man hat es da mit Spezialisten zu tun, die damals schon wussten, wo sie Kupfer finden. Also ganz typische Methode war, dass man Bachläufen gefolgt ist und da geschaut hat, ob man Malachit oder Azurit findet. Das sind dann so grüne und blaue Steine, die ganz markant sind. Und dann hat man geschaut, wo könnten die herkommen? Gibt es einen Felsen, einen Ausbiss, wo man das sieht? Man hat auch Bewuchsmerkmale gekannt, bestimmte Pflanzen, die darauf hinweisen, dass der Boden darunter metallhaltig ist, und zum Beispiel die Silene vulgaris, wie man immer Klatschblume dazu gesagt, die wäre so ein Metallanzeiger und das hat man gekannt.
00:05:13: ,400 [Christine Brugger] Wie können wir uns den Kupferbergbau vorstellen? Wie wird das Element aus dem Gestein gelöst?
00:05:19: ,571 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Man hat einen Brocken Stein vor sich. Man weiß, vielleicht, da ist Kupfer drinnen. Aber das muss ich dann in einem vielfältigen Prozess erst aus dem Gestein bringen. Man hat sortiert, man hat das zerkleinert, teilweise richtig sandfein zerrieben und die Metallanteile wie beim Goldwaschen ausgewaschen. Also das nennt man die Aufbereitung. Das ist oft mehrfach passiert und erst dann hat man das in einem Ofen verhüteten können. Man hat Holzkohle gebraucht, hohe Temperaturen, weil eben bei diesen Gesteinsflanker, sage ich mal, was da noch waren, auch andere Metalle wie Eisen angehaftet haben, die einen höheren Schmelzpunkt zum Teil hatten. Und das musste ausgeschmolzen werden. Die mussten sich verbinden zur Schlacke, damit man zum Kupfer kommt. Also da war wirklich es Know how von Nöten. Und es gibt immer wieder Versuche, heute Kupfer auszuschmelzen. Man schafft immer so eine kleine Menge in einen kleinen Ofen zu machen. Aber wie das früher richtig industriell mit prähistorischen Mitteln gemacht wurde, weiß der heutige Mensch nicht mehr.
00:06:27: ,852 [Christine Brugger] Wer hat im Bergbau gearbeitet? War das eine ausschließlich männliche Domäne?
00:06:32: ,192 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Also gerade bei der Aufbereitung, beim Sortieren, beim Zerkleinern waren Frauen dabei bei der Arbeit und auch Kinderarbeit war ein großes Thema. Weil wenn ich kleine, zierliche Personen habe, muss ich mit Schlegel und Eisen weniger rausschaffen, wie wenn jetzt da große Bergarbeiter wären. Und es gibt Hinweise, aus dem Bramberg, in den Matrikeln eine Johanna, glaube ich, Knappin und ihr Name Knappin lässt sich jetzt nicht auf einen Hof oder als Namen von ihrem Mann zurückführen. Also da wird stark angenommen, dass es sich dabei um eine Knappin handelt.
00:07:11: ,232 [Christine Brugger] Unter welchen Bedingungen haben die Knappen im Bergbau gearbeitet? Wie gut oder schlecht sind sie bezahlt worden?
00:07:19: ,232 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Bei uns war die Erbregel so, dass immer nur der älteste Sohn den Bauernhof geerbt hat und die anderen haben dann schauen müssen. Und da war natürlich der Bergbau eine gute Möglichkeit, selbst Geld zu erwirtschaften. Es gibt Beispiele, wo sie dann eben auch Bauern mit einem Kredit vom Bergwerk ein kleines Bauernlehen erwerben konnten. Da hat's eine Bruderschaft gegeben, sozusagen die erste Sozialversicherung, was wir kennen. Da hat's eine Art Arbeitgeberbeitrag und einen Arbeitnehmerbeitrag gegeben. Bei Unfällen hat's Geld für Pensionen gegeben. Man hat sich ein Darlehen nehmen können und so weiter. Und das ist natürlich im sechzehnten Jahrhundert wirtschaftlich von Bedeutung. Und der Bergbau, das war immer eigener Stand. Man hat Geld verdient und ist nicht nur in Naturalien ausbezahlt worden. Natürlich, es hat sehr viele gegeben, die mehr recht wie schlecht gelebt haben. Aber es hat im Bergbau doch verschiedene Berufe, auch Aufstiegsmöglichkeiten gegeben. Und die sind schon Dinge, die den Beruf attraktiv gemacht haben.
00:08:31: ,952 [Christine Brugger] Ökonomisch von Bedeutung war der Bergbau auch für die Herrschenden. So stellten die Mineralienvorkommen und das Salz die Haupteinnahmequelle des Fürsterzbischofs von Salzburg dar und das Gold aus dem Rauriser und Gasteinertal. Auch auf der anderen Seite des Großglockners, im Mölltal und seinen Seitentälern, gab es interessante Goldvorkommen. Manuel Vilgut hat über Goldbergbau und Goldgewinnung in dieser Region seine Dissertation geschrieben. Ab wann haben die Menschen dort nach Gold gesucht?
00:09:05: ,872 [Manuel Vilgut] Vermutlich haben die Menschen schon in der Steinzeit damit begonnen, nach Gold zu suchen. Das war immer irgendetwas Besonderes, weil es halt ein Material ist, das nicht verwittert. Da haben wir nur keine Nachweise. Also es gibt ein paar indirekte Nachweise, wo man Steinbälle gefunden hat, irgendwo in den Bergen. Aber da wissen wir nicht, ob sie jetzt wirklich Gold gesucht haben. Es ist naheliegend. Die ersten näheren Hinweise sind dann aus der Keltenzeit, wo es halt Goldschmuckstücke gibt. Zum Beispiel in Salzburg hat es da einen Fund geben von so einem Goldorquestile, von den Kelten. Da nimmt man an, dass das Material dafür aus der näheren Umgebung stammen wird. Dann später haben wir eben die Kelten und die Römer abgebaut. Da gibt es eben schriftliche Nachrichten aus der Römerzeit.
00:09:44: ,312 [Christine Brugger] Wie bedeutend mag der Goldbergbau im Römischen Reich gewesen sein?
00:09:50: ,632 [Manuel Vilgut] Die Römer haben sehr viel Gold abgebaut. Also in allen Provinzen, wo es halt Gold geben hat, haben sie auch große Bergwerke eingerichtet oder Goldgewinnungsanlagen eingerichtet. Teilweise waren das Seifengoldgewinnungsanlagen. Da waren sie sehr fortschrittlich und sie haben natürlich viel Gold gebraucht für ihre Münzprägung, für ihre Kunstgegenstände und so weiter. Das heißt, für die Römer war das schon was Wichtiges. Und auch bei uns, da haben sie teilweise schon Gold gewonnen. Da gibt es ein paar archäologische Nachweise.
00:10:15: ,052 [Christine Brugger] Wie sind die Menschen überhaupt darauf gekommen, dass es in den Bergen Gold geben könnte?
00:10:22: ,232 [Manuel Vilgut] Das ist schwer zu sagen. Also es hat sicher damals schon Prospektoren gegeben, die gezielt nach Erzlagerstätten gesucht haben. Und auf der anderen Seite wird man natürlich auch in den Flüssen und in den Bächen Gold Nuggets gefunden haben oder kleine Goldflinserlen und so weiter gefunden haben. Und dann ist man halt einfach flussaufwärts weitergegangen, bis man die Quelle gefunden hat vom Gold.
00:10:39: ,152 [Christine Brugger] Da gibt es ja eine Unterscheidung zwischen Freigold und Seifengold. Was ist der Unterschied?
00:10:45: ,472 [Manuel Vilgut] Freigold ist im Prinzip ein Goldvorkommen, das noch im Gestein drinnen ist, aber wirklich als Gold erkennbar ist oder auch in so feinen Verteilungen drin, dass es quasi als Golderz drinnen ist. Das sind halt so ganz feine Teile, die man erst gewinnen muss. Und Seifengold ist quasi schon aus dem Gestein herausgewittertes Gold, das sich dann irgendwo ablagert in Flüssen oder bei Bächen, wo es das leichtere Material weitergetragen hat. Und das schwere Gold setzt sich ab und bildet dann sogenannte Goldseifen, die dann gewaschen werden können.
00:11:14: ,472 [Christine Brugger] Und was genau sind dann die Nuggets?
00:11:17: ,732 [Manuel Vilgut] Nuggets sind einfach größere Klumpen, die sich dann eben in den Seifengold-Lagerstätten finden können. Bei uns ist es allerdings so, es gibt schon Nuggets, aber die meisten Goldflinseln, die man findet, sind ganz klein.
00:11:27: ,372 [Christine Brugger] Sind die Edelmetalle im Tageabbau oder unter Tage gewonnen worden?
00:11:33: ,512 [Manuel Vilgut] Also im Mittelalter war das meiste Untertageabbau. Es gibt ein paar Ausnahmen, so wie die Barzieselbauer in der Zirchnitz. Da ist das Erz wirklich an der Oberfläche angestanden und da hat man es im Tagbau abbauen können. Aber die meisten Bergbauer gehen wirklich in die Tiefe rein, also mit Stollen und Schächten, je nachdem, wie halt die Erzlager im Berg verteilt waren. Und das war eben das große Problem. Man hat da relativ einen Aufwand betreiben müssen, damit man überhaupt zu diesen begehrten Materialien kommt.
00:12:01: ,182 [Christine Brugger] Die Abbaugebiete des Goldes lagen im Vergleich zum Kupfer sehr hoch, auf zweitausend bis dreitausend Meter Seehöhe. Wo und wie haben die Bergleute dort gelebt?
00:12:12: ,731 [Manuel Vilgut] Die Knappen waren meistens aus der näheren Umgebung und haben dann meistens in den Talorten gewohnt, sind halt dann unter der Woche am Berg oben gewesen, direkt in der Nähe von den Stollen, in so Bergknappen-Unterkünften, haben dort gearbeitet und am Wochenende sind sie wieder ins Tal runtergegangen, haben die Messe besucht und am Sonntag am Abend oder Montag in der Früh sind sie halt wieder rauf.
00:12:31: ,310 [Christine Brugger] Wer hat sie versorgt?
00:12:33: ,611 [Manuel Vilgut] Die Bergbaugewerke haben natürlich auch die Nahrungsmittel zur Verfügung stellen müssen für die, äh, Leute am Berg. Das war dann auch teilweise, wenn es halt Missernten gegeben hat und die Preise nach oben gegangen sind, hat das unter Umständen auch einmal den Ruin für einen Gewerken bedeuten können, weil er sich einfach die Versorgung nicht mehr leisten hat können.
00:12:48: ,052 [Christine Brugger] Also der Bergbau hat sich zwischen zwei und dreitausend Metern Seehöhe abgespielt. Wie ist das Material dann ins Tal gekommen?
00:12:56: ,612 [Manuel Vilgut] Das war meistens so, dass man das, ähm, im Sommer sozusagen abgebaut hat, dann am Berg oben Erzlager eingerichtet hat und dann hat man es im Winter mittels Sackzug ins Tal gebracht. Also, da hat man so eigene Bahnen sozusagen angelegt, ähm, und dann das Erz in Säcke gefüllt, die zusammengebunden und dann ist man dort relativ riskant, [lacht] aus meiner Sicht, damit ins Tal runtergefahren, bis man halt irgendwo hingekommen ist, wo man es dann mit einem Wagen oder so weiter transportieren hat können.
00:13:20: ,412 [Christine Brugger] Wie bekommt man nun das reine Gold aus dem Gestein heraus, wenn man nicht das Glück hat, ein großes Nugget im Bach zu finden?
00:13:29: ,072 [Manuel Vilgut] Im Bergbau gewonnenes Gold, das ist halt noch mit dem tauben Gestein rundherum, äh, verbunden oder teilweise auch in gewissen Erzen gebunden. Da muss man dann halt verschiedene Aufbereitungsarbeiten leisten. Das war zunächst einmal das mechanische Zerkleinern, das Pochen meistens. Also, das hat man mit Wasserkraft gemacht. Dann hat man das ganz fein verteilt, in Erzmühlen aufgemahlen. Das kann man sich vorstellen wie eine Getreidemühle für Gestein halt. Und dann hat man's eben entweder auch gewaschen, weil's dann so fein verteilt war, also so wie Seifengold dann gewonnen. Oder man hat's eben zum Beispiel amalgamiert, also mit Quecksilber gebunden und das dann weiterverarbeitet und daraus dann das Gold gewonnen.
00:14:05: ,712 [Christine Brugger] Wie war das geregelt? Wer durfte eigentlich schürfen?
00:14:08: ,232 [Manuel Vilgut] Das waren viele unterschiedliche Gewerke, also diejenigen, die das Recht gehabt haben, Gold abzubauen. Ursprünglich ist das ja beim König, ähm, gelegen und der hat das dann teilweise weiterverpachtet und so ist das dann halt immer auf andere Leute aufgeteilt worden. Und da hat's dann verschiedene Gewerke gegeben, teilweise ganz kleine, teilweise waren es größere Unternehmungen, so wie die Gewerke Putz oder die Jenner, die dann eben eigentlich in der Neuzeit dann größere Unternehmungen aufgebaut haben. Oder die Fugger sind noch relativ bekannt. Die haben ein riesen Bergbauunternehmen gehabt in halb Europa mehr oder weniger und haben alles Mögliche abgebaut. Also Blei, Gold, Kupfer.
00:14:42: ,332 [Christine Brugger] Wo kam denn das Wissen her?
00:14:44: ,652 [Manuel Vilgut] Also die, die wirklichen Bergbauexperten, die waren sicher sehr mobil. Also wir haben da verschiedene Gewerke, die wirklich von weiter weg herkommen. Zum Beispiel die Fugger aus Augsburg, die dann bei uns da unter anderem Unternehmungen gehabt haben. Das waren halt die, die wirklich großen Bergbautreibenden. Und dann hat's natürlich auch das lokale Wissen gegeben, also wie man Gold wascht oder so was. Das war teilweise der einfachen bäuerlichen Bevölkerung bekannt und die haben das teilweise als bäuerlichen Nebenerwerb im Winter gemacht, wenn halt am Feld nicht so viel zu tun war, haben sie teilweise die, die Flüsse und Bäche halt nach Gold abgesucht und Gold gewaschen, einfach um eine Zusatzeinnahmequelle zu haben.
00:15:21: ,401 [Christine Brugger] Auch wenn der Goldabbau schon einige Jahrhunderte zurückliegt, gibt es denn heute noch Zeugen oder Spuren dieser Epoche in der Landschaft?
00:15:30: ,252 [Manuel Vilgut] Da gibt es zum Beispiel in der Zirknitz noch den sogenannten Zahlstein. Das ist ein großer Fels, der dort liegt. Und das war halt für in der Umgebung befindlichen Bergwerke der Punkt, wo die Knappen ihren Lohn dann bekommen haben. Deswegen heißt es heute noch Zahltisch. Es gibt noch viele Bergbauhalden, also wo man das taube Material hingeschüttet hat, sozusagen. Wenn man weiß, wo, kann man teilweise noch die Stollen finden. Hier auch in der Zirknitz gibt es zum Beispiel einen Schaustollen, wo man zumindest die ersten paar Meter wieder aufgebaut hat, dass man halt hineinschauen kann und reingehen kann. So was kann man finden. Bergbau, Unterkünfte, also wo man noch die Reste von den Häusern findet, äh, die Fundamente. Man kann teilweise sogenannte Scheitsteine finden. Das sind die Steine, wo man obertags dann das Material zerklopft hat und das taube Material vom, vom hältigen Material getrennt hat. Erzmühlen kann man teilweise noch finden. Also es gibt noch relativ viel, was in der Landschaft verborgen liegt und was man halt da und dort vielleicht einmal finden kann.
00:16:23: ,132 [Christine Brugger] Wann hat sich der Goldbergbau dann nicht mehr gelohnt? Weil heute wird es ja nur noch für touristische Zwecke sozusagen genutzt.
00:16:32: ,752 [Manuel Vilgut] Beginn der 1580er Jahre war bei uns da der Höhepunkt, den man nachweisen hat können. Anhand der vorhandenen Quellen, die es eben noch gibt. Und dann hat relativ bald eigentlich ein Niedergang stattgefunden, von dem sich der Goldbergbau oder der Edelmetallbergbau eigentlich, kann man sagen Gold und Silber, dann nie mehr so richtig erholt hat. Es hat zwar dann immer wieder Versuche gegeben, die dann über paar Jahre oder vielleicht auch mal ein paar Jahrzehnte funktioniert haben, aber es hat nie mehr diese Mengen gegeben wie in den 1580er Jahren. Das Problem war, dass die Gruben immer tiefer geworden sind, weil das oberflächennahe Material hat man halt abgebaut gehabt. Und je weiter runter es gegangen ist, desto mehr Probleme hat das dann bedeutet mit der Wetterführung, mit dem Wasser, dass die Gruben nicht erst abgesoffen sind, wie man so schön sagt. Das hat dann den Abbau immer mehr verteuert und dann ist halt das Gold aus Übersee teilweise gekommen, also nach der Entdeckung von Amerika und da war das dann einfach irgendwann nicht mehr rentabel. Seitdem gibt es das halt nur mehr hobbymäßig.
00:17:23: ,892 [Christine Brugger] Wo kann man noch Gold finden, waschen?
00:17:26: ,891 [Manuel Vielgut] Finden kann man's wahrscheinlich noch so ziemlich in jedem Bach, aber es ist halt nicht erlaubt, einfach so rauszugehen und, und Gold zu waschen. Es gibt zum Beispiel in der Fleiß die offizielle Goldwaschstelle im Nationalpark. Da kann man dann hingehen und gegen eine kleine Gebühr im Bach dann eben waschen und da das, was man findet, mitnehmen.
00:17:48: ,972 [Christine Brugger] Wir wechseln wieder die Region. Im Osttiroler Frostnitztal gibt es reiche Eisenerzvorkommen. Der Archäologe Harald Stadler forscht hier im Rahmen des Interreg-Projektes Klang zwei. Seit wann ist hier Bergbau betrieben worden?
00:18:05: ,932 [Harald Stadler] Es gibt, äh, äh, Schmelzplätze, zum Beispiel in Matrei selbst. Und also was jetzt gerade fürs Frostnitztal interessant ist, nicht einen Beilfund, nicht, und zwar einen Typ, der also immer wieder mit dem Zusammenhang mit Bergbau gesehen wird. Das Beil ist aus der Zeit, also um 1300 vor Christus. Und das ist eben also wirklich ein Hinweis, nicht dass erstens das Tal begangen wurde und zweitens eben nicht, weil eben die Vergleichsbeile alle im Bezug zum Bergbau stehen und dass Bergbau der Antrieb die Antriebsfeder war, diese Täler oder dieses Hochtal zu besuchen.
00:18:42: ,992 [Christine Brugger] Welche Rohstoffe verstecken sich in den Osttiroler Tälern, im Defreffen-, im Virgen- oder eben im Frohnitztal?
00:18:49: ,932 [Harald Stadler] Da ist die Frage, was man unter Rohstoffen alles versteht, nicht? Dass auf der einen Seite die Erze. Also es gibt zum Beispiel in Michelbachtal gibt es auch Goldvorkommen, die dann bedauerlicherweise mit diesen Unwettern in den 60er Jahren sind diese Mundlöcher alle verschwunden. Natürlich dann Eisen auch nicht. Also das jetzt besonders im Frohsinn zu talen. Aber man muss auch andere Dinge noch sehen, nicht? Also Bergkristall, Achat.
00:19:13: ,592 [Christine Brugger] Bis heute zeugen die Knappenhäuser oder die Reste der Knappenhäuser im Frohsinn Tal vom Bergbau im Mittelalter. Wie funktionierte der Abbau in einer Zeit ohne Bagger, ohne LKWs?
00:19:27: ,832 [Harald Stadler] Der Vortrieb ist also mit speziellen Werkzeugen, die wir dann auch wieder finden. Deswegen braucht es auch diese Bergschmieden also im Hochgebirge, weil diese Werkzeuge jeden Tag immer neu also geschärft werden mussten und der Vortrieb geht ja sehr langsam vor sich. Also das sind oft nur zwei drei Zentimeter. Das ist immer wieder erstaunlich, wie tief sie dann im Endeffekt dann vorgedrungen sind.
00:19:49: ,772 [Christine Brugger] Eine mühsame Tätigkeit, eine gefährliche Tätigkeit. Dennoch hat im 18. Jahrhundert der Bergbau im Frosnitztal noch einmal einen Aufschwung genommen, weil der Erzgehalt des Gesteins so hoch war. Wie können wir uns das vorstellen?
00:20:05: ,472 [Harald Stadler] Ja, das ist das Superspannende für mich. Das wird von einem Eisengehalt von 65 % gesprochen. Das ist also irrsinnig hoch. Das Problem war immer dann der Transport. Also dieses Tal ist also acht Kilometer lang, also sehr, sehr wild. Man kann wirklich vom wilden Tal also sprechen. Das größte Problem war immer, das Erz herauszubringen. Und auch im 20. Jahrhundert hat man sich gedacht, okay, das wäre eine Möglichkeit, nicht? Aber noch, nachdem es eben andere, billigere Möglichkeiten gibt, also hat man davon Abstand genommen.
00:20:36: ,292 [Christine Brugger] Egal ob Kupfer, Eisen oder Gold, Holz war immer ein wichtiges Material im Bergbau und der Wald wurde vielerorts rücksichtslos gerodet. Daher gab es in allen Regionen strenge Waldordnungen und der Holzbezug wurde von einem Holzmeister geregelt, was teilweise zu heftigen Konflikten führte, weiß Waltraud Moser Schmidl.
00:21:00: ,232 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Also die Entwaldung durch den Bergbau war ein massives Problem. Man wollte ihm den Wald schützen, weil der Bergbau so viel Wald verschlungen hat. Man musste nicht nur die Abbaue ausbölzen, also mit Holz verstärken, damit kein Felsen runterkommt, sondern vor allem die Aufbereitung, dieses Holzkohle machen, hat Holz verschlungen. Diese Waldordnung hat sehr die Gesteiner Gewerken verärgert als Einmischung und die war mit ein Auslöser auch für den Bauernkrieg.
00:21:34: ,132 [Christine Brugger] Heute gibt es kaum mehr Bergbau in den Hohen Tauern. Die Smaragdvorkommen im Habachtal werden hauptsächlich touristisch genutzt. Einzig das Wolframwerk in Mittersill, direkt an der Felbertauernstraße gelegen, hat weit über Österreich hinaus Bedeutung.
00:21:51: ,392 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Eigentlich wird Scheelit abgebaut. Wolfram. Dieses Metall hat man früher von den Glühfäden von den Glühbirnen gekannt. Das ist aber ganz ein dichtes, schweres, hitzebeständiges Metall, das vor allem für Spezialwerkzeuge und in der Raumfahrttechnik jetzt in Verwendung steht. Und das Besondere ist, dass man hier es noch schafft, so eine hohe Qualität zu erzeugen. Das ist ein Pulver, das erzeugt wird , das so hoch zu konzentrieren, dass man sich eben auch noch durch die Konkurrenz, die jetzt vor allem in China sitzt, durchsetzen kann.
00:22:23: ,612 [Christine Brugger] Interessant ist auch, dass es immer wieder Versuche gegeben hat, den Bergbau wieder zu beleben. Anfang des 20. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs ist das sehr ernsthaft diskutiert worden. Warum ist es nicht dazu gekommen?
00:22:39: ,012 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Ja, es wird immer davon abhängen, wie reich die Lagerstätten sind, wie viel Aufwand es benötigt, ob die Kosten den Nutzen da aufbringen und das war oft das Problem. Also es sind oft sehr kleinteilige Vorkommen, dann teilweise im Hochgebirge. Dann natürlich auch die Wirren des Ersten Weltkriegs, die eben auch so Ambitionen unterbrochen haben, dann auch nach dem Krieg, Weltwirtschaftskrise usw, dass einfach auch das Geld für solche Aktionen nicht vorhanden war.
00:23:14: ,632 [Christine Brugger] Aber vielleicht ist es auch gut, dass diese Phantasien nicht umgesetzt wurden.
00:23:19: ,872 [Waltraud Moser Schmidl (Gast)] Also Bergbau ist immer mit Umweltverschmutzung verknüpft, weil eben Holzkohleherstellung, Abholzung von Wäldern, Luftverschmutzung, Also es gibt Prozessakten wieder aus der frühen Neuzeit, wo sie eben auch Bauern beschweren, dass auf den Almen nichts mehr wächst, dass die Tiere verenden. Man darf da auch von prähistorischen Zeiten kein romantisches Bild zeigen. Also die Menschen waren mit Luftverschmutzung, mit Umweltverschmutzung konfrontiert. Und es ist doch schön, dass wir jetzt diesen Nationalpark haben, der das bewahrt, was wir noch da haben.
00:23:55: ,932 [Christine Brugger] Wer sich auf die Spuren der Knappen machen will, kann dies auf dem Smaragdweg im Habachtal, auf dem Tauerngoldweg im Großen Zirknitztal oder im Frosnitztal bei den Knappenhäusern tun. Ich werde im nächsten Sommer Gold waschen im Fleistal. Vielleicht finde ich ja einen Nugget. Mit diesen Tipps verabschiedet sich Christine Brugger. Sagt Danke fürs Zuhorchen und auf bald bei der nächsten Ausgabe des Nationalpark Podcasts.
00:24:26: ,992 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war Aufgehorcht. Ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon - entdecke alle Folgen auf Hohe Tauern.at und auf Spotify. Oder noch besser vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.
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