#003 Wie das Hochgebirge spricht: Langzeitmonitoring im Nationalpark Hohe Tauern

Shownotes

Titel: Aufgehorcht – Wie das Hochgebirge spricht: Langzeitmonitoring im Nationalpark Hohe Tauern Inhalt: Diese Folge führt mitten hinein in das groß angelegte Langzeitmonitoring des Nationalparks Hohe Tauern. Christine Brugger spricht auf der International Mountain Conference mit Christian Körner (Uni Basel), Julia Seeber (Eurac Bozen) und Ulrike Berninger (Uni Salzburg). Die drei erläutern, wie Pflanzen, Tiere, Mikroben und alpine Gewässer auf feinste Klimaveränderungen reagieren – und warum das Hochgebirge ein einmaliges Freiluftlabor ist. Themen der Folge: • Warum der Nationalpark ein „Natur-Experiment“ bietet • Acht Forschungsbereiche von Klima bis Gletschervorfeld • Überraschende Erkenntnisse aus der Vegetation: Gräser vs. Kräuter • Bodenökologie: Was Springschwänze und Milben verraten • Hochalpine Seen als Klima-Refugien – oder doch nicht? • Wie Organismen wandern – per Vogel, Bergschuhe oder Wasser • Warum robuste Langzeitdaten wichtiger sind als schnelle Schlagzeilen Gäste: • Prof. Christian Körner – Botaniker, Universität Basel • Dr. Julia Seeber – Bodenökologin, Eurac Bozen • Prof. Ulrike Berninger – Aquatische Ökologin, Universität Salzburg

Link auf Website Nationalpark Hohe Tauern zu Projekt Langzeitmonitoring

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00:00:01: ,260 [Christian Körner (Gast)] Der Nationalpark Hohe Tauern ist verwaltet für die Öffentlichkeit, für die Gesellschaft ein Gut. Eine Urlandschaft, wahrscheinlich die größte Urlandschaft, die wir in Mitteleuropa überhaupt noch haben, das Hochgebirge. Und in diesem Mandat zu schützen, ist auch eingeschlossen, das geschützte Objekt so gut zu beobachten, dass der Nationalpark zurück reflektieren kann in die Gesellschaft, wie es denn diesen Pflanzen Tieren geht. Und das geht halt nur über Forschung, weil viele Dinge sieht man nicht einfach mit Hinschauen.

00:00:38: ,160 [Chrian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht. Der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern, mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.

00:00:49: ,700 [Christine Brugger (Moderatorin)] Aufgehorcht und willkommen. Christine Brugger begrüßt Sie zur neuen Folge unseres Podcasts aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Heute allerdings aus Innsbruck von der internationalen Mountain Conference. Die findet alle drei Jahre statt. Und hier treffe ich auch die Personen, die maßgeblich beim Langzeitmonitoring von Ökosystemen im Nationalpark Hohe Tauern forschen. Julia Seeber kommt von der Eurac in Bozen, Ulrike Berninger von der Universität Salzburg und Christian Körner von der Uni Basel. Zu Beginn haben Sie ja bereits den Auftrag des Nationalparks erklärt. Seit 2019 koordinieren Sie das Projekt mit seinen acht verschiedenen Forschungsbereichen. Mit welchem Ziel?

00:01:37: ,299 [Christian Körner (Gast)] Das Ziel des Projektes ist ja, dass wir Pflanzen, Tiere und Mikroben entlang von kleinen lokalen Klimagradienten studieren, die uns ein bisschen zeigen, wie denn das effektiv erlebte Klima deren Leben beeinflusst. Also im Gebirge ist durch die Oberflächenstruktur der Landschaft auf kleinstem Raum oft im Juni noch 3 Meter Schnee und daneben blühen bereits die Blüten. Man hat also über eine Distanz von oft nur fünf bis 10 Meter hat man Lebensverhältnisse, die sich genauso ändern wie sonst über 1000 oder 2000 Höhenmeter. Das ist eine unglaubliche Chance. Ist eigentlich ein Experiment der Natur, auf kleinstem Raum solche Abhängigkeiten vom Klima aus der Landschaft zu pflücken. Und das ist jetzt eine ideale Möglichkeit für Botaniker, für Zoologen und für Mikrobiologen, die Wirkung des Klimas auf einer definierten Fläche, auf einem sauber dokumentierten Kleinklimagradienz zu studieren. Als Bild für das Größere, das sich in der weiten Landschaft abspielt, das uns nicht zugänglich ist.

00:02:49: ,640 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie setzen sich die acht Fachbereiche zusammen?

00:02:54: ,020 [Christian Körner (Gast)] Also der Ansatz, der gewählt wurde, ist ein Ökosystemarer und in dem Ökosystem, das sind nun äußere Bedingungen wie das Klima und der Boden. Dann sind Pflanzen, Tiere,

00:03:08: ,680 [Christian Körner (Gast)] trockener Boden und Gewässer. Und eigentlich möchte man die alle zusammen haben und man kann aber nicht alles machen. So haben wir uns auf acht solche Domänen geeinigt. Also zunächst einmal muss man an den Standorten, wo diese Forschung betrieben wird und das ist dreihundert Meter über der heutigen Baumgrenze im reinen alpinen Bereich, der ja definiert ist als baumfrei, natürlicherweise baumfrei. Welche Wissenschaftsdomänen lädt man denn da ein? Man kann nicht alles machen. Und was wir jetzt gemacht haben, dass wir das Klima dokumentieren, ähhh die Bodenverhältnisse dokumentieren. Welche Pflanzen dort wachsen, wie sie wachsen, wie viel sie wachsen jedes Jahr. Was passiert im Boden mit dem Abfall der Pflanzen? Also welche Bodentiere und welche Mikroorganismen sind da beteiligt? Und schließlich gibt es im Umfeld dieser Versuchsflächen auch Gewässer, die sind deshalb so wichtig, weil sie wie ein Fingerabdruck der Umwelt funktionieren. Also, kleine Bäche zum Beispiel, die entwässern ein ganzes Einzugsgebiet. Der Bach praktisch hat das Gedächtnis mitgebracht von dem, was in der Landschaft passiert und ebenso sehen die wie so Integratoren, also Vermittler dessen, was dort oben passiert im Wasser sind. Und dann ist noch eine Gruppe mit uns assoziiert, die beobachtet, was das größere Umfeld, nämlich das Vorfeld der Gletscher und die Gletscher selbst in derselben Zeit tun. Dass wir so eine Referenz haben zu dem, was die große Landschaft bewegt und diesen Verhältnissen des Klimawandels.

00:04:51: ,680 [Christine Brugger (Moderatorin)] Nun ist ein Langzeitmonitoring, wie der Name schon sagt, auf Jahrzehnte angelegt. Wie schafft man das, dass die beteiligten Forscherinnen und Forscher so untersuchen, dass man es später vergleichen kann beziehungsweise reproduzieren kann?

00:05:08: ,480 [Christian Körner (Gast)] Ja, das ist eine sehr gute und wichtige Frage. Denn das, was wir heute machen, das hat ja nur dann einen Wert, wenn wir es so sorgfältig und so standardisiert, also genau beschrieben durchführen, dass man später das wiederholen kann und dann sehen kann, was hat sich verändert? Wir beobachten über eine lange Zeit Pflanzen, Tiere, Mikroben und das müssen wir exakt gleich machen, jedes Jahr gleich machen. Wir dürfen das nicht im nächsten Jahr ein bisschen anders und in fünf Jahren noch ein bisschen anders machen. Es muss immer gleich bleiben. Das ist der Kern unseres sogenannten Monitorings, also des dauerhaften Beobachtens, dass wir alles exakt gleich wiederholen.

00:05:51: ,599 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Untersuchungsgebiete innerhalb des Nationalparks Hohe Tauern sind das Kärntner Seebachtal, das Ober- und Untersulzbachtal in Salzburg und das Innerglöß in Osttirol. Dazu kommen noch zwei weitere Gebiete, die ihnen ganz wichtig sind.

00:06:09: ,164 [Christian Körner (Gast)] Also dem Nationalpark Hohe Tauern gebührt also das Lob, das überhaupt angestoßen zu haben in seinem Kernbereich an der Südflanke, an der kontinentalen Situation in Osttirol und im Norden in Salzburg. Aber die Alpen sind natürlich viel größer, und es ist ein großer Mehrwert, wenn es gelingt, noch andere Gruppen oder Standorte zu gewinnen, mit denen man das vergleichen kann. Weil dann entzieht man sich dem Vorwurf "Ja, ja, jetzt habt ihr das in dieser kleinen Gegend dort gemacht. Ist das denn gültig für die Alpen insgesamt?" Und deshalb ist es wertvoll, dass jetzt in Südtirol und in der Schweiz auch solche Standorte gesucht wurden, die mit den exakt gleichen Methoden beobachtet werden. Das gibt dem Ganzen einen größeren Rahmen. Eine Internationalität nicht nur, sondern auch eben einen räumlichen, eine räumliche Dimension.

00:07:02: ,274 [Christine Brugger (Moderatorin)] Dieses Langzeitmonitoring läuft seit 2016. Gibt es nach neun Jahren schon erste Ergebnisse?

00:07:10: ,924 [Christian Körner (Gast)] Also vielleicht das Wichtigste ist, dass es eine große räumliche und zeitliche Variabilität nicht nur des Wetters gibt, sondern auch bei den organismischen Reaktionen. Also das beste Beispiel sind zum Beispiel unsere Seen im Gebirge. Da kann irgendein Ereignis passieren in einem Jahr, das vorher fünf Jahre nicht war und später nicht mehr ist. Und das bringt das System zum Kippen. Man kann solche Antworten, die der Nationalpark und die Gesellschaft von uns will, nicht an einem Punkt und in einem Jahr finden. Man muss also diese Variabilität, die in der Natur der Sache liegt, das Wetter, es gibt einen extrem heißen, trockenen Sommer und einen extrem feuchten und nassen Sommer, wo der Schnee erst im Sommer weggeht. Und im anderen Fall ist er schon im Mai weg. Und um das abzudecken, müssen wir also mindestens, ich sage jetzt einmal irgendeine Zahl, fünf bis zehn Jahre, das weiß man ja vorher nicht. Jetzt rückblickend können wir sagen, manche Dinge waren nach fünf Jahren schon verlässlich dokumentiert. Manche Sachen sind vielleicht in zehn Jahren noch nicht verlässlich dokumentiert, weil es eben diese ununterbrochene Variabilität gibt, die wir mit unserer Monitoringarbeit abdecken müssen.

00:08:23: ,044 [Christine Brugger (Moderatorin)] Sie sind Botaniker.

00:08:25: ,503 [Christian Körner (Gast)] Ja.

00:08:26: ,463 [Christine Brugger (Moderatorin)] Haben Sie Beispiele von Pflanzen, wie die sich verändern?

00:08:30: ,944 [Christian Körner (Gast)] Ja, also da ist uns etwas Unerwartetes, äh, in die Hand gespielt worden durch dieses Monitoring. Es hat sich gezeigt, dass innerhalb der Vegetation, innerhalb der Pflanzen die zwei Gruppen, die Gräser und die Kräuter, unterschiedlich reagieren. Wenn man also so einen Gradienten von einem schön entwickelten Alpenrasen bis hinein in einen Graben, wo der Schnee bis in den Sommer liegt, die Vegetation vergleicht, so hat sich gezeigt, dass die krautigen Pflanzen mit ihren breiten Blättern, oft sind das Rosetten am Boden, dass die in ihrem Anteil an der gesamten Pflanzenmenge, die dort ist, sich nicht ändern über den Gradienten. Da springen dann dort, wo es unwirtlich wird, andere Arten in die Bresche und halten das Niveau, während die grasartigen, das sind nicht nur die Gräser, das sind auch die Seggen, die, äh, werden immer weniger, wenn man in das Loch hinuntergeht, wo der Schnee lange liegt. Das heißt, die Änderung in der Pflanzenmenge, die wir finden, vom üppigen Standort zum schlechten Standort, kommt hauptsächlich von den Grasartigen. Wenn man also jetzt eine Relation zwischen Gras und Kraut bildet, hat man einen Klimaindikator in der Hand. Das hatten wir nicht geahnt, dass das ein wichtiges Ergebnis sein wird. Die Balance zwischen diesen beiden Formen des Pflanzenlebens ist sehr empfindlich auf die Klimaveränderung. Das ist neu.

00:09:57: ,084 [Christine Brugger (Moderatorin)] Könnte man sagen, dass die Einkeimblätterigen also sich schlechter anpassen können?

00:10:03: ,304 [Christian Körner (Gast)] Ja, also es ist eine total spannende Frage, warum denn die krautigen Pflanzen, denken Sie an Gänseblümchen, an Löwenzahn, an solche Sachen, äh, warum die ihre, ihre Wüchsigkeit bewahren entlang so einem steilen Klimagradient von optimal zu sehr schlecht und die grasartigen nicht. Da muss man sich vorstellen, so ein Blatt. Also nehmen Sie jetzt zum Beispiel ein Spinatblatt. Dieses Blatt, das wächst in der ganzen Fläche, wenn es groß wird. In einem ganz kurzen Sommer ist das ein Vorteil, wenn man über die ganze Fläche größer werden kann. Die Gräser, die wachsen nur aus einem Gewebe, das im Boden steckt und das Grasblatt nach oben schiebt. Das Gewebe ist nur einen oder zwei Millimeter breit und die Zeit ist so kurz im Gebirge. Und diese kleinen grasartigen Bildungsgewebe, die können nicht gleich schnell sein wie die breiten Blätter. Das ist jetzt eine mögliche Erklärung neben der evolutiven, dass wir mehr krautige Arten in der Gegend zur Verfügung haben, die da einspringen können, wenn es schlecht wird. Äh, warum die Gräser leiden an diesen Gradienten zur Kälte. Man kann es aber jetzt umdrehen. Wir reden ja vom Klimawandel. Es wird also aus dem Schneeloch, wenn man aus dem Schneeloch herausgeht, immer wärmer und wärmer und wärmer. Und da profitieren die Gräser mehr als die Kräuter. Das ist ein Ergebnis der botanischen Studien, die ja primär von den Forschungsgruppen hier an der Universität in Innsbruck und in Salzburg durchgeführt werden.

00:11:39: ,503 [Christine Brugger (Moderatorin)] Julia Seeber ist beim Langzeitmonitoring zuständig für Bodenökologie und Zoologie. Sie kommen von der Eurac Bozen, betreuen die genannten Untersuchungsgebiete. Und was lässt sich aus Sicht der kleinen Tiere dort vielleicht sogar schon feststellen?

00:12:00: ,300 [Julia Seeber (Gast)] Aber der Boden Ökologie muss man dazu sagen, wir sind leider ein bisschen eine destruktive Wissenschaftsdisziplin. Wir tun auch deswegen nicht jedes Jahr so wie die Botanik zum Beispiel oder die Biomasse, die Untersuchungen durchführen, damit wir auch den Boden da oben ein bisschen schonen können. Was wir bis jetzt einfach sehen, ist der Einfluss des Frühjahrs und des Wetters. Also wir haben zum Beispiel letztes Jahr gemerkt, dass die Phänomenologie dieser ganzen vielen Tiere sehr stark von eher einem kühleren Frühjahr beeinflusst gewesen ist. Während zwei Jahre davor war ein sehr trockener, warmer Frühling. Entsprechend haben wir ganz andere Tiergruppen, bzw. vor allem die Abundanz, das heißt die Individuen Dichten festgestellt. Also wir tun uns jetzt zurzeit noch ein bisschen hart, den Klimawandel zu sehen in unseren Daten, aber ich bin mir recht sicher, der wird da drinnen stecken.

00:12:55: ,180 [Christine Brugger (Moderatorin)] Welche Arten schauen Sie sich da genau an? Gibt es so Referenzen?

00:12:59: ,480 [Julia Seeber (Gast)] Also in diesen Gebirgsböden, die sind nicht sehr tiefgründig, weil die haben einfach nicht viel Zeit, sich zu entwickeln. Die sind -meistens sind wir schon froh, wenn wir zehn Zentimeter finden. Da können keine sehr großen Tiere mehr vorkommen. Das heißt, wir konzentrieren uns in erster Linie auf Springschwänze, die sogenannten Collembolben und Milben, die sind auch Zeigerorganismen, weil sie sehr sensibel reagieren können auf Umwelteinflüsse und auch auf die Gegebenheiten im Boden. Und wir schauen uns diese Gruppen auch wirklich auf Art Niveau an. Es gibt Gott sei Dank ein paar wenige Experten, die uns die auch auf Art Niveau bestimmen können. Und wir schauen uns an, welche ökologische Vielfalt wir in diesen zwei Gruppen finden.

00:13:40: ,480 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und was haben Sie schon angetroffen?

00:13:43: ,819 [Julia Seeber (Gast)] Es gibt einige Arten, die dort oben vorkommen. Die sind sehr generalistisch. Das bedeutet, sie können eigentlich vom Tiefland bis ins hohe Gebirge vorkommen. Die haben nicht große Ansprüche an ihren Lebensraum. Die machen ungefähr die Hälfte der Tierarten dieser Gruppen aus. Die andere Hälfte ist angepasst an diesen alpinen Lebensraum. Wir haben einige Alpenendemiten drinnen, die also nur spezifisch nur bei uns vorkommen oder zumindest eben nur in diesen höheren Lagen in diesen Gebirgsböden.

00:14:12: ,240 [Christine Brugger (Moderatorin)] Haben Sie eine Hypothese? Was glauben Sie? Wie könnte ein Trend ausschauen?

00:14:18: ,700 [Julia Seeber (Gast)] Boden ist ja sehr komplex und extrem dynamisch. Der Boden reagiert auch sehr langsam. Das ist oft das Problem, wenn wir Trends feststellen wollen, dass wir sehr zeitversetzt arbeiten. Und im Boden ist alles extrem miteinander verbunden. Das heißt, wenn kleine Schrauben gedreht werden, dann wird viel passieren. Bei den Tieren vermuten wir schon, dass durch erhöhte Streuabbau, sprich wenn der Kohlenstoffhaushalt der Nährstoffhaushalt verändert wird, dass das natürlich auch einen Effekt auf die Tierwelt haben wird. Erstens wird es trockener, was ein Problem sein könnte und wärmer. Manche dieser Tierarten sind sehr sensibel auf Temperaturschwankungen. Also im Endeffekt, es wird einige Arten treffen, die dort nicht mehr vorkommen werden.

00:15:07: ,940 [Christine Brugger (Moderatorin)] Können die ausweichen?

00:15:09: ,260 [Julia Seeber (Gast)] Ja, wir sind schon recht hoch oben und nach oben hin verschwindet der Boden komplett. Wir sind ja irgendwann nur mehr im Felsgebiet und sie wandern natürlich auch sehr langsam. Die haben keine Flügel oder irgendwas, wo sie schnell wandern können. Die müssen im Boden weiter wandern. Das geht langsam und es wird spannend sein zu sehen, was ist schneller der Klimawandel oder die Tiere, die nach oben wandern. Aber wie gesagt, es gibt auch einen oberen, ein oberes Limit, wie weit die überhaupt gehen können. Und wir sind da schon recht weit.

00:15:42: ,079 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wir wechseln aus der Erde, aus dem Boden ins Wasser. Ulrike Berninger schaut als aquatische Biologin 18 ausgewählte Seen, sechs in jedem der drei Forschungsgebiete genauer an Was können Sie hier ablesen?

00:15:57: - [Ulrike Berninger (Gast) Wir wollen Wissen: Wie sind die abiotischen Faktoren, also die Temperatur, die Nährstoffverhältnisse, die Wasserbewegungen und ähnliches? Und welche Organismen leben in diesen Gewässern und welche Interaktion gehen sie miteinander ein?

00:16:15: - [Christine Brugger (Moderatorin)] Welche Rolle spielt denn die Landschaft, in der sich diese Gewässer befinden?

00:16:20: -> [Ulrike Berninger (Gast) Eine sehr, sehr große. Da kommt es gerade für die Lage der Seen ganz, ganz stark darauf an liegt er am Nordhang, liegt er am Südhang. Wie ist das Wetter also unabhängig vom Klima jetzt auch in dieser Bergregion? Wie hoch sind die Niederschläge da? Ist der See groß und tief, hält also auch kältere Temperaturen sehr viel länger. Ist er klein und flach, erwärmt sich sehr viel schneller. Liegt er vielleicht unter einem Felsvorsprung, wo er mehr beschattet wird? Wird er von einem Gletscher gespeist? Kommt das Wasser in dem See nur aus Niederschlägen und so? Und dadurch gibt es sehr viele Unterschiede, die wir als Mikroklima bezeichnen. Und um das Ganze auch zu integrieren in die Forschungsergebnisse und in das Potenzial, gegebenenfalls Vorhersagen machen zu müssen, ist es ganz wichtig, dass man nicht jetzt den einen See aus einem Tal oder aus einer Alpenregion herausgreift, sondern wir brauchen eine Vielfalt von Untersuchungssystemen. Und das Besondere ist, dass diese Gewässer über einen Höhengradienten angesiedelt sind. Man geht ganz grob davon aus, dass im Zuge der Klimawandeleffekte im Zuge der Temperaturerhöhungen, dass die in den größeren Höhenlagen gelegenen Ökosysteme ganz allgemein nicht nur die Seen kälter sind und damit in Bezug auf die die Seen jetzt ein Refugium darstellen können für Organismen, denen einfach die Temperaturen zu warm werden, die aufgrund der Klimaerwärmung und der Ökosystemerwärmung in den Lebensräumen, wo wir sie im Moment finden, nicht mehr zurechtkommen und deswegen versuchen auszuweichen, sozusagen in größere Höhenlagen und entsprechend eben in diese höheren Seen.

00:18:07: ,091 --> [Christine Brugger (Moderatorin)] Jetzt wissen wir aber durch Temperaturmessungen, dass die Erwärmung sehr schnell voranschreitet. Das heißt, die Gewässer dort, die von Ihnen genannten Refugien, werden sich also auch erwärmen?

00:18:19: -> [Ulrike Berninger (Gast) Wahrscheinlich. Wir haben übers ganze Jahr über Temperaturlogger eingesetzt in diesen Seen und die messen im Abstand von wenigen Stunden wirklich über, äh, zwölf Monate hinweg. Und wir können tatsächlich zeigen, das Projekt läuft ja jetzt seit fast zehn Jahren, dass über diesen Zeitraum, zumindest während der eisfreien Zeit, die Temperatur, die Durchschnittstemperatur in diesen Seen sich bereits erhöht hat zwischen 0,1 und 0,2 Grad pro Jahr, was sich nach wenig anhört, aber sehr, sehr viel ist. Wir können auch zeigen, dass die Dauer der Eisbedeckung kürzer wird, äh, um fast zwei Tage schon. Äh, wir können zeigen, dass die Eisbedeckung später beginnt und früher zu Ende ist entsprechend und sich von daher eben das System verändert.

00:19:12: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Aber was bedeutet das konkret für die Organismen, die im Wasser leben?

00:19:17: -> [Ulrike Berninger (Gast)] Für die Organismen, die da im Moment leben, sind diese Veränderungen jetzt noch nicht so stark. Aber man muss sehen, wie sie damit zurechtkommen. Allerdings ist es so und deswegen machen wir neben der Aufnahme eben dieser abiotischen Faktoren wie Temperatur beispielsweise untersuchen wir eben die Organismengemeinschaften. Und da haben wir einen Fokus auf den sogenannten Planktongemeinschaften gelegt. Das sind die kleinen Organismen, die extrem wichtig für den Energiehaushalt und die Nahrungsbeziehung in diesen Systemen sind. Und wir können auch zeigen mit unseren Daten, dass man nicht einfach nur sagen kann, "Ach, wenn's zu warm wird in den tieferen Seen, können die ja einfach in die höher gelegenen Seen umziehen", denn dort hatten sich andere Gemeinschaften etabliert und wir können nicht einfach nur aufgrund der veränderten Temperaturbedingungen sagen, die und die Organismen können da leben, sondern es kommt auch darauf an, wie sie mit den dort existierenden Gemeinschaften zurechtkommen. Ob die Organismen, die zum Beispiel in den kälteren Regionen und kälteren Seen leben, ob die überhaupt aufgrund von Fraßbeziehungen, aufgrund von Konkurrenzbeziehungen überhaupt ein Einwandern anderer Organismengruppen zulassen. Und darüber, also wir haben diese Geländearbeit, wo wir eben einfach nur beobachten, was ist dort. Parallel dazu machen wir aber, äh, experimentelle Arbeiten im Labor, wo wir selektiv Gemeinschaften zusammensetzen, dann sagen zu können, "Aha, die und die Art, die im Moment etwas tiefer vorkommt, kann wahrscheinlich dort sich etablieren oder kann sich eher nicht etablieren."

00:21:02: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Ganz praktisch: Wie kann ich mir so einen Umzug vorstellen von einem tiefer gelegenen Tümpel in ein höher gelegenes Gewässer?

00:21:11: -> [Ulrike Berninger (Gast)] Das ist tatsächlich auch ein Projekt, an dem wir arbeiten. Zum einen, äh, gibt es immer wieder Menschen, die Wasser hin- und hertragen, komischerweise. Viele dieser Organismen, die formen Dauerstadion, die eine gewisse Zeit im trockenen Zustand beispielsweise auch überleben können oder existieren können und dann wieder zu neuem Leben erwachen. Die werden zum Beispiel durch Wasservögel übertragen. Also eine Ente landet auf einem See, hat einen Wasserfilm zwischen dem Gefieder, fliegt zu einem anderen und dann kommen diese Dauerstadien in dieses andere Gewässer. Das kann zum Beispiel ein Effekt sein, was wir aber auch untersuchen im Rahmen eines angegliederten Projektes, ist der Einfluss von Wanderern und Wanderinnen, die in einen See mit ihren Wanderstiefeln hineingehen. Äh, da bleibt ein Wasserfilm dran und das übertragen sie vielleicht.

00:22:07: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Dieser Umzug oder Transport funktioniert also mehr oder weniger aktiv durch Vögel oder Menschen. Inwieweit kann das übers Wasser selbst funktionieren? Gibt es da Verbindungen zwischen den Gewässern?

00:22:21: -> [Ulrike Berninger (Gast)] Wir haben auch Kollegen und Kolleginnen aus der Hydrologie und aus der Geologie in unserem angegliederten Projekt, die untersuchen, wie oberirdisch oder unterirdisch, äh, und durch das Gestein gegebenenfalls diese Seen miteinander verbunden sind. Und wir haben in unserer Auswahl dieser achtzehn Seen, haben wir welche, die tatsächlich miteinander verbunden sind, obwohl sie relativ weit auseinander liegen. Da ist es wahrscheinlicher, dass sich das Artenspektrum da vermischt, sofern sich die anderen Arten da eben wirklich auch etablieren können, was nicht, äh, zwangsläufig gegeben ist. Aber es gibt auch Seen, die sehr dicht beieinander liegen, wo wir merken, dass sie ganz, ganz andere Gemeinschaften beherbergen. Und das zeigt sich jetzt, dass diese Seen überhaupt keine Verbindung haben und man das entsprechend erklären kann, äh, warum die Gemeinschaften dort eben so unterschiedlich sind.

00:23:14: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Jetzt reden wir ganz selbstverständlich über Gewässer, Seen, Bäche. Aber wie schaut's denn künftig mit dem Wasser im Gebirge aus? Gibt es da auch Prognosen oder Modelle, inwieweit diese Gewässer überhaupt weiter bestehen werden?

00:23:31: -> [Ulrike Berninger (Gast)] Also mittelfristig und das sind schon fast mittelfristig geologisch gesehen, wird das Wasser aus den höheren Gebirgsregionen sicherlich nicht verschwinden. Im Gegenteil, dass freie Wasser vielleicht sogar mehr werden als da fast positive Konsequenz der Gletscherschmelze. Wir sehen ja auch angegliedert an die, ähm, Gebiete, wo diese Gletscher eben liegen oder lagen, dass sich neue Seen bilden, die auch tatsächlich schnell wieder besiedelt werden. Da gibt es auch Ergebnisse drüber. Also die, ähm, alpinen Seen werden sicherlich sehr viel später oder vielleicht gar nicht verschwinden als die Gletscher. Denn die Gletscher werden erstmal diese, diese Seen tatsächlich kreieren.

00:24:20: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Letzte Frage an Christian Körner: Was wird das Langzeit-Monitoring bringen? Was kann es bringen in der Argumentation, in der wissenschaftlichen Erkenntnis?

00:24:30: -> [Christian Körner (Gast)] Also wir scheuen uns als Wissenschaftler zu schnell mit alarmistischen Droh-Aussagen in die Öffentlichkeit zu treten. Wir dokumentieren sauber, was ist. Und in der Zeit, die uns zur Verfügung steht, in den zehn Jahren, können wir zwar ein Auf und Ab von Messgrößen feststellen, aber noch keinen Trend, der etwas mit Klimawandel zu tun hat. Ich denke, unsere Aufgabe ist es jetzt, Daten zu schaffen, mit denen man in der Zukunft genau auf dieselben gut markierten Orte zurückgehen kann und das mit den genau selben Methoden, die wir sauber dokumentiert haben, noch einmal macht. Und dann wird man in dreißig, vierzig Jahren eine nächste Generation von Forschern sagen können: Das war effektiv der Wandel oder es gibt keinen. Das ist nämlich auch eine Option. Also es ist - diese Gebirgsvegetation hat Millionen Jahre an Evolution hinter sich und die haben schon die unmöglichsten Dinge erlebt. Es kann auch durchaus sein, dass wir nicht den großen Veränderungsschub dort oben sehen, den wir in den Siedlungen, im Wasserhaushalt der Region, äh, stark empfinden. Die Gebirgsvegetation und die mit ihnen assoziierten Mikroben und Tiere sind vielleicht robuster, als wir glauben.

00:25:48: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Vielleicht robuster als der Mensch?

00:25:50: -> [Christian Körner (Gast)] Das auf jeden Fall, weil sie das schon viel länger machen wie der Mensch. Und der Mensch ist eigentlich das Verletzliche im Gebirge. Die Natur selbst ist wahrscheinlich nicht so verletzlich, wie unsere Siedlungen, Infrastrukturen, unsere ganze Technik, wenn Sie an Murbrüche und Felsstürze denken. Der Natur ist das wurscht. Im Gegenteil, das erzeugt Vielfalt und und Lebensraum. Also es ist schon der Mensch, der da wirklich betroffen ist.

00:26:15: -> [Christine Brugger (Moderatorin)] Sagt Christian Körner und gibt uns damit genug Stoff zum Nachdenken. [Outro-Musik] Christine Brugger verabschiedet sich aus dieser "Aufgehorcht"-Folge, sagt Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal. [Outro-Musik] Das war "Aufgehorcht". Ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser: Vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.

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