#014 Wie Geier und Adler das Ökosystem der Alpen schützen
Shownotes
Drei große Vogelarten, unterschiedliche Aufgaben im Ökosystem: Die Folge stellt Bartgeier, Steinadler und Gänsegeier im Nationalpark Hohe Tauern vor.
Das erfährst du:
- Rückkehr der Bartgeier: Wiederansiedlung, Paarbildung und die Suche nach geeigneten Revieren.
- Knochen und Aas als Nahrung: Wie sich Bartgeier und Gänsegeier bei der Verwertung von Kadavern ergänzen.
- Steinadler zwischen Jagd und Reviersuche: Warum Jungvögel weite Strecken zurücklegen und nicht alle ein eigenes Revier finden.
- Forschung und Monitoring: Was Horstbeobachtungen, genetische Analysen und Sender über die Vögel verraten.
- Gefahren und Schutz: Bleimunition, Vergiftungen, Kollisionen und Störungen durch Aktivitäten nahe am Horst.
- Offene Fragen zum Klimawandel: Warum die Folgen veränderter Winter und häufigerer Extremwetterereignisse noch nicht abschließend geklärt sind.
Für Begegnungen im Nationalpark gilt: Nähe zum Brutplatz kann die Vögel stören und zu einem Brutabbruch und somit Verlust eines Jungvogels führen. Ein kreisender Bartgeier nahe an Kletternden kann versuchen, Eindringlinge zu vertreiben.
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00:00:00: ,000 [Musik] Musik]
00:00:02: ,340 [Gunther Gressmann (Gast)] Und der Adler hat die Schwingen immer ganz leicht V-förmig. Der Bartgeier zum Beispiel hat die Schwingen ganz leicht nach unten und der Gänsegeier liegt in der Luft wie a Brettl.
00:00:11: ,820 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht, der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.
00:00:24: ,840 [Christine Brugger (Moderatorin)] Sie gelten als das Wappentier der Alpen, die Steinadler. Mit ihrer Spannweite von bis zu zwei Meter dreißig jedoch die kleinste Art, die heute durch unseren Podcast segelt. Die Gänsegeier schaffen bis zu zwei Meter sechzig und die Bartgeier sind die größten Vögel im Nationalpark Hohe Tauern mit einer Spannweite von knapp drei Metern. Christine Brugger sagt Servus im Aufgehorcht-Podcast über die Könige der Lüfte im Nationalpark Hohe Tauern. Meine Gesprächspartner sind der Wildbiologe Gunther Gressmann von der Nationalparkverwaltung Tirol und Matthias Lehnert, der sich in der Nationalparkverwaltung Salzburg mit der gesamten Bartgeierpopulation im Nationalpark Hohe Tauern beschäftigt. Aus einer vorigen Aufgehorcht-Folge wissen wir, dass die Vögel einst ausgerottet waren. Wie schaut es heute aus, Matthias? Wie viele Bartgeier leben bei uns?
00:01:20: ,900 [Matthias Lehnert (Gast)] Fangen wir mal mit den Paaren an, die wir im Nationalpark haben. Wir haben insgesamt sechs Bartgeierbrutpaare. Drei davon sind in Kärnten, zwei im Osttiroler Nationalparkanteil und ein Paar lebt bei uns hier in Salzburg. Aber da kommen natürlich noch Vögel hinzu, zum Beispiel die Jungvögel, die von den Paaren produziert werden, aber eben auch einfliegende Bartgeier, die aus anderen Auswilderungsprojekten stammen oder tatsächlich wild geschlüpfte Bartgeier, die aus der Schweiz oder aus Italien zu uns stoßen und dann hier zum Beispiel den Sommer verbringen oder eventuell dauerhaft hier heimisch werden können.
00:01:56: ,160 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das Bartgeieransiedlungsprogramm hat 2026 sein vierzigjähriges Bestehen gefeiert. Die erste Auswilderung von damals drei Bartgeiern fand im Mai 1986 statt. Inwieweit sind die eigentlich standorttreu oder verteilen die sich dann sofort in die Pyrenäen, nach Spanien, wohin auch immer?
00:02:18: ,580 [Matthias Lehnert (Gast)] Zwischen 1986 und 2018 wurden allein in den Hohen Tauern dreiundsechzig Bartgeier ausgewildert und junge Bartgeier wandern meistens ab, fliegen in den ersten drei, vier Jahren ihres Lebens, fliegen sie erst mal durch die Alpen, machen zum Teil auch ganz wilde Reisen bis an die französische Kanalküste oder nach Polen. 2015 hat das zum Beispiel Bartgeier Lucky gemacht, der dann bis in die Niederlande geflogen ist und dann wieder zurückgekommen ist in die Hohen Tauern. Und dann werden die Bartgeier aber, wenn sie dann langsam geschlechtsreif werden, so mit fünf Jahren, bilden sie Paare, eigene Reviere, werden sesshaft, verteidigen diese dann auch gegen andere Bartgeier. Und das führt dann dazu, dass die Bartgeier, die zum Beispiel in den Hohen Tauern zur Welt gekommen sind, heutzutage in der Schweiz fliegen können oder in Frankreich fliegen können oder in Südtirol fliegen können. Also es ist ein sehr internationales Projekt, weil anders als wir Menschen kennen die Bartgeier keine Grenzen.
00:03:17: ,660 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie hat sich die Dynamik, die Paarbildung seitdem entwickelt?
00:03:20: ,640 [Matthias Lehnert (Gast)] Die ersten Paarbildungen fanden dann Anfang der 2000er Jahre statt. Damals zum Beispiel im Gasteinertal. Also es dauert sehr, sehr lang, bis sich so ein Paar bildet, aber dafür leben sie eigentlich monogam und bleiben ein Leben lang zusammen.
00:03:37: ,060 [Christine Brugger (Moderatorin)] Mit circa fünf Jahren werden sie geschlechtsreif, hast du gesagt. Dann dauert es noch mal zehn Jahre, bis sich Paare bilden und Brutversuche starten. Das kommt mir lange vor, aber schließlich können die Bartgeier ja dreißig bis vierzig Jahre alt werden. Welche Bedingungen brauchen sie, um sich fortzupflanzen?
00:03:58: ,080 [Matthias Lehnert (Gast)] Die Bartgeier sind reine Hochgebirgsbewohner. Das bedeutet steile Wände, gute thermische Bedingungen, aber eben auch Rinnen, wo zum Beispiel Lawinen abgehen, steile Wände, wo auch Tiere abstürzen können und natürlich im Winter und im Frühling, dann, wenn sie ihre Jungvögel großziehen, eine gute Nahrungsverfügbarkeit an Kadavern von Wildtieren, also zum Beispiel vom Steinbock oder von der Gams. Und was sie auch noch brauchen, nämlich Eisen, denn sie sind ja dafür bekannt, dass sie in eisenhaltigem Schlamm baden. Fakt ist, dass in jedem Bartgeierrevier gibt es bei uns eisenhaltige Quellen und die suchen sie auch mindestens einmal pro Jahr auf, um dann darin zu baden.
00:04:42: ,360 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und so entsteht die schöne rötliche Färbung des Brustgefieders. Man könnte sagen, die Bartgeier schminken sich, um attraktiver auf potenzielle Partner zu wirken. Wie viel Platz brauchen die großen Vögel eigentlich?
00:04:56: ,980 [Matthias Lehnert (Gast)] Ein Bartgeierrevier kann von hundert Quadratkilometern bis siebenhundertfünfzig Quadratkilometern reichen, aber bei uns sind sie tatsächlich etwas kleiner. Sie fühlen sich aber trotzdem wohl.
00:05:08: ,320 [Christine Brugger (Moderatorin)] Bedeutet das, dass mit sechs Paaren eigentlich gar kein Platz mehr ist für weitere?
00:05:14: ,420 [Matthias Lehnert (Gast)] Doch, es gibt schon noch ein, zwei Reviere, wo wir mit Bartgeierpaaren rechnen können. Wir sind derzeit der östlichste Teil der Bartgeierpopulation in den Alpen und wir wünschen uns natürlich, dass es auch weiter östlich von uns in den Hohen Tauern auch noch Bartgeierpaare gibt. Also es ist durchaus noch Luft nach oben. Wir sind optimistisch.
00:05:34: ,640 [Christine Brugger (Moderatorin)] Dass sie also hinaus migrieren, sozusagen. Die Bartgeier wurden aktiv durch die Menschen ausgerottet. Welche Gefahr droht ihnen aktuell durch diese Spezies?
00:05:47: ,220 [Matthias Lehnert (Gast)] Also der Bartgeier hat keine natürlichen Feinde, weil er ist der Endverwerter vom Aas. Also er frisst ja nur Knochen. 90 Prozent seiner Nahrung bestehen aus Knochen. Die kann er durch seine hohe Magensäure zersetzen. Die größte Gefahr sind Bleipartikel aus Munitionsrückständen, aus Bleimunition, weil durch diese aggressive Magensäure wird eine ganz andere Menge an Gift aus diesen Bleisplittern herausgelöst und das führt zu einem elendigen Tod. Aber eben auch Kollisionen, zum Beispiel mit tiefhängenden Kabeln, mit Windkraftrotoren. Auch Wilderei ist ein Thema oder das Auslegen von Giftködern. Wenn das natürlich die Geier fressen, dann sterben sie elendig daran. Und Wintersport kann auch eine Gefährdungsursache für den Bruterfolg der Bartgeier sein. Denn wenn Eiskletterer in die Brutwände einsteigen, dann brechen die Bartgeier ihre Brut ab und sie brüten kein zweites Mal im Jahr. Das bedeutet, die Brut ist bis auf das kommende Jahr komplett verloren.
00:06:47: ,220 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was interessant ist, zum einen sind es ja sehr neugierige Tiere, die Menschen auch durchaus nahekommen. Zum anderen werden sie von Menschen irritiert. Warum sind sie da so vorsichtig?
00:06:59: ,040 [Matthias Lehnert (Gast)] Die Bartgeier, wenn sie den Horst verlassen, tun sie das tatsächlich, um den Eindringling zu vertreiben. Das passiert bei Vögeln, aber der Mensch lässt sich dadurch natürlich nicht beeindrucken. Also wenn der Eiskletterer 30 Meter neben dem Horst klettert, der denkt sich: „Wow, ist 'n cooles Erlebnis, dass der Bartgeier direkt um mich herumfliegt." Und wir betreiben dort sehr viel Aufklärungsarbeit, um eben den Bruterfolg der Bartgeier auch zu sichern.
00:07:24: ,740 [Christine Brugger (Moderatorin)] Als letzte Verwerter in der Nahrungskette, welche Rolle haben sie da im Ökosystem?
00:07:30: ,940 [Matthias Lehnert (Gast)] Also Geier haben generell eine unfassbar wichtige Rolle in unseren Ökosystemen, denn sie sind die Kadaverentsorger und die Gesundheitspolizei. Das können wir Menschen zum Beispiel niemals so effizient gestalten, weil wir die ganzen Tierkadaver überhaupt nicht finden oftmals, die Geier schon. Verendete Tiere sind immer ein Herd für Krankheiten, für Parasiten, für Seuchen. Indem die Geier dieses Aas auffressen, vermeiden sie die Ausbreitung von Krankheiten.
00:07:59: ,660 [Christine Brugger (Moderatorin)] Da kommt jetzt die zweite Art ins Spiel. Der Bartgeier, hast du gesagt, frisst zu 90 Prozent Knochen. Als Aasfresser spielt dann der Gänsegeier eine große Rolle. Der hält sich jedoch nicht ganzjährig bei uns auf.
00:08:14: ,080 [Matthias Lehnert (Gast)] Ganz genau. Also die kommen eigentlich aus Südost- und Südwesteuropa zu uns, übersommern hier in den Hohen Tauern und sie fressen die weichen Teile des Kadavers, also Fleisch, Organe. Und sie sind quasi die Vorarbeiter für den Bartgeier. Also erst wenn das Skelett quasi abgenagt wurde durch die doch sehr effizienten Gänsegeier, dann kommt der Bartgeier.
00:08:37: ,140 [Christine Brugger (Moderatorin)] Im Gegensatz zum Bartgeier, der alleine oder zu zweit zu beobachten ist, sieht man bei den Gänsegeiern oft eine große Anzahl gemeinsam fliegen. Warum so viele?
00:08:49: ,240 [Matthias Lehnert (Gast)] Gänsegeier sind Kolonievögel. Das ist ja ihre Natur, dass sie in Trupps umherfliegen, das Aas sehr schnell aufspüren und dann innerhalb kürzester Zeit verwerten können beziehungsweise entsorgen können. Wir haben in den Hohen Tauern Gruppen von bis zu 107 Vögeln gezählt, die eine abgestürzte Kuh in einer Rinne komplett zerlegt haben. Innerhalb von wenigen Wochen war von der Kuh nix mehr zu sehen. Also das zeugt davon, wie schnell, aber auch wie effektiv die Geier Aas entsorgen können.
00:09:22: ,500 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bedeutet das in Zahlen? Kann man das benennen?
00:09:25: ,860 [Matthias Lehnert (Gast)] In Spanien hat man für die Aasentsorgung einen Wert von 55 Millionen Euro errechnet, jedes Jahr. Man lässt die Geier einfach arbeiten, ihren Job tun und spart sich dadurch noch Geld.
00:09:39: ,820 [Christine Brugger (Moderatorin)] Mal abgesehen davon, dass es faszinierend ist, sie am Himmel zu entdecken. Bleiben wir noch ein bissel bei den Gänsegeiern. Warum kommen die so gern hierher im Sommer zum Jausnen?
00:09:51: ,920 [Matthias Lehnert (Gast)] Die häufigste Todesursache für Wild-, aber auch für Nutztiere im Hochgebirge sind Blitzschläge. Ein Blitz kann 20, 30 Schafe erlegen, die aber auch durch Absturz zum Beispiel, durch Krankheiten, durch Parasiten zu Tode kommen. Und das führt dann letztendlich dazu, dass das Nahrungsangebot hier durchaus gegeben ist. Und deswegen kommen die Gänsegeier nicht erst seit zehn Jahren, sondern die seit Jahrzehnten, seit Jahrhunderten migrieren sie jeden Sommer hierher und fliegen dann im Herbst wieder zurück.
00:10:25: ,780 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das wissen wir, weil die Vögel in ihrer Umgebung regelmäßig beobachtet werden. Monitoring ist der dazugehörige Fachbegriff. Wie funktioniert das genau?
00:10:36: ,300 [Matthias Lehnert (Gast)] Monitoring unterliegt immer einer Methodik, die jedes Jahr wiederholt wird. Und beim Bartgeier haben wir verschiedene Aufgaben im Monitoring. Also wir haben das Horstmonitoring, wo wir jedes Jahr den Bruterfolg monitoren. Wir schauen, ob Eier gelegt wurden. Wir schauen, ob aus den Eiern auch jemand schlüpft, sprich die Jungvögel. Dann schauen wir, wann der Jungvogel zum ersten Mal ausfliegt und dann sammeln wir zum Beispiel noch Federn ein, um das Ganze dann genetisch zu analysieren, um herauszufinden, wer sind die Eltern und dann auch einen genetischen Fingerabdruck für den Jungvogel zu haben, damit wir ihn später auch als Altvogel wiedererkennen. Da steckt sehr, sehr viel Wissenschaft drin und die nächste Aufgabe ist, dass wir die Sichtungen sammeln, auswerten, um dann ein großes Bild von den Bartgeiern zu haben, wo sie sich bewegen und wann sie wo sind. Aber auch bei Notsituationen, wenn ein Bartgeier verunglückt, krank ist oder ihm was passiert ist, dass wir dann das internationale Rettungsnetzwerk quasi einsetzen, um dann den Vogel auch dementsprechend schnell retten zu können.
00:11:42: ,564 [Christine Brugger (Moderatorin)] Rettung bei Unfällen klingt gut, aber vor den Folgen des Klimawandels können wir den Bartgeier nicht retten. Wie wird er mit den steigenden Temperaturen umgehen? Gibt es schon Prognosen?
00:11:55: ,604 [Matthias Lehnert (Gast)] Diese Zunahme der Extremwetterereignisse im Hochgebirge, auch hier in den Hohen Tauern, führt dazu, dass es zu stärkeren Gewittern kommt, zu stärkeren Murenabgängen kommt und dadurch wird natürlich die Anzahl der Todesopfer auch steigen. Also die Nahrungsverfügbarkeit wird vermutlich, das ist eine These, vermutlich ansteigen. Ein Problem wird aber auch sein, wie wirken sich diese milden Winter aus, wo immer weniger Schnee liegen bleibt, wo immer weniger Lawinen liegen bleiben, wie sich der Klimawandel auf die Bartgeier auswirken wird. Das ist eine Frage, da stehen wir gerade erst am Anfang.
00:12:32: ,124 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was gibt's sonst noch für Fragen, die dich in Zukunft begleiten werden, Matthias?
00:12:37: ,924 [Matthias Lehnert (Gast)] Wann werden wir mehr Bartgeier in den Hohen Tauern haben? Fakt ist, das sehen wir durch das Monitoring auch im Westen Österreichs, in Nordtirol, dass immer mehr Paare in Nordtirol nachgewiesen werden, weil Österreich wird besiedelt aus Richtung Graubünden, also aus Richtung Schweiz und Südtirol. Und das ist wie so eine Art Zangenbewegung, wo dann die Bartgeier von West nach Ost wandern und dann irgendwann auch zu uns kommen, um dann neue Paare zu bilden.
00:13:11: ,484 [Christine Brugger (Moderatorin)] Im Gegensatz zum Bartgeier war der Steinadler in den Alpen nie ausgerottet. Es hat immer Populationen gegeben, allerdings mit einem Auf und Ab. Gunther Gressmann, welchen Dynamiken unterlagen die Adler in der Geschichte?
00:13:29: ,264 [Gunther Gressmann (Gast)] Ja, der Adler ist eigentlich ein Vogel, den könnte man als kosmopolit bezeichnen, der auf der gesamten Nordhalbkugel vorkommt. In unseren Breiten, in den Alpen, war es aber so, dass er in der Zeit, wo generell die starke Verfolgung der Beutegreifer, die damals einen schlechten Ruf genossen haben, das war der, der Zeitgeist, nennen wir es so, die dann zu einer sehr starken Bejagung bis hin zur Aushorstung von Jungvögeln und so weiter geführt haben, wo es mit den Dichten einmal sehr schlecht ausgeschaut hat. Es ist aber dann später der Adler unter Schutz gestellt worden und die Bestände haben sich langsam wieder erholt und man kann zumindest sagen, in den Zentralalpen haben wir eigentlich jetzt flächendeckend Reviere in einer Größenordnung, wo dazwischen immer viel Adler Platz haben. Also was jetzt an Nachwuchs reproduziert wird, der nach außen drängt und auch das Alte erreicht, weil sehr viele Jungvögel auch auf der Suche nach Revieren dann wieder verenden, drängt jetzt alles schon nach außen Richtung Alpenvorland.
00:14:23: ,704 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das heißt, die Population im Nationalpark, Nord- und Südseite des Alpenhauptkamms, ist geschätztermaßen wie groß?
00:14:33: ,224 [Gunther Gressmann (Gast)] Also es gibt ja immer wieder gewisse Veränderungen, weil das abhängt von der Reviergröße. Wie gut funktioniert ein Paar zusammen? Welches Revier können sie verteidigen? Da gibt es auch Veränderungen. Es gibt einen Wechsel von Brutvögel, weil einer verendet und so weiter. Aber wir gehen davon aus, dass wir ungefähr vierzig, vielleicht ein bisschen mehr Paare im Gesamtnationalparkgebiet haben. Wobei, die halten sich nicht an die Nationalparkgrenzen, sondern die Reviere gehen zum Teil auch darüber hinaus.
00:14:59: ,244 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ist damit der Platz sozusagen besetzt, wenn du sagst, sie drängen jetzt ins Alpenvorland?
00:15:04: ,644 [Gunther Gressmann (Gast)] Mehr oder weniger. Wie die Dichten klein waren, war es so, dass Adler wenig Konkurrenz gehabt haben und das heißt, sie haben eine gewisse Reviergröße relativ problemlos halten können. Dann steigen in dem Gebiet die Dichten und die Reviere werden immer kleiner, weil der Druck von angrenzenden Vögeln größer wird. Aber irgendwann ist es halt so, dass die Mindestgröße da ist, dass ein Paar überleben kann und gleichzeitig das Revier verteidigen. Und die Grenzen sind natürlich flexibel, aber wir dürften jetzt auf einem Stand sein, wo die Reviere ungefähr dem entsprechen, was aufgrund der Nahrungsverfügbarkeit für einen Adler ungefähr ausreicht oder für ein Adlerpaar.
00:15:40: ,724 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das wäre jetzt die nächste Frage gewesen: Wie definiert sich ein Revier? Nahrungsverfügbarkeit? Gibt es andere Parameter auch noch?
00:15:48: ,824 [Gunther Gressmann (Gast)] Klarerweise braucht es Horstmöglichkeiten. Also die Fortpflanzung ist ja ganz zentral. Und wenn das gegeben ist, Aufzuchtmöglichkeiten für die Jungvögel, genug Beute in dieser Zeit, die der Adler zum Horst bringen kann und dann außerhalb der Aufzuchtzeit auch das Überleben der beiden Altvögel beziehungsweise bis zum Verlassen des Reviers für den Jungvogel gegeben ist, dann ist das ungefähr das, was ein Adlerrevier braucht. Bestenfalls Flächen oberhalb der Waldgrenze, weil so ein großer Vogel einfach Probleme hat, in einem dichteren Wald zu jagen. Also er ist sehr stark auf Freiflächen angewiesen und Hauptbeute ist da, wo es vorkommt, einfach das Murmeltier.
00:16:24: ,984 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und da ist der Adler ja auch mit einem Spezialwerkzeug, wenn man so sagen darf, ausgestattet, um das Murmeltier zu erlegen?
00:16:34: ,224 [Gunther Gressmann (Gast)] Ja, der Adler ist, wie viele Greifvögel, ein klassischer Grifftöter. Das heißt, bei erwachsenen Vögeln und bei großen Weibchen kann die hintere Kralle, der sogenannte Dolch, eine Länge von ungefähr neun Zentimetern erreichen. Also das ist schon ganz beachtlich. Was aber vielleicht trotzdem noch zum dazu sagen ist, weil wir alle so den Adler als Jäger im Kopf haben, gerade Jungadler und zu schlechten Witterungsbedingungen sind Adler auch sehr stark zum Teil Aasfresser. Also Jungadler können sich das gar nicht leisten und Jungadler ist jetzt, bis er ein Revier besetzt, also zum Teil bis zu fünf, sechs Jahre, dass sie in fremden Revieren jagen, weil da werden sie sofort attackiert. Das heißt, die müssen sich irgendwie durchschwindeln und da sind sie einfach größtenteils Aasfresser, weil sie nicht auffallen dürfen.
00:17:18: ,904 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und welche Rolle übernehmen sie dann im Ökosystem beziehungsweise in der Nahrungskette?
00:17:25: ,844 [Gunther Gressmann (Gast)] Ja, sie sind, wie man so schön sagt, ein Spitzenprädator. Das heißt, sie stehen relativ weit oben beziehungsweise ganz oben in der Nahrungskette, regulieren dadurch bis zu einem gewissen Grad, man muss aber da auch vorsichtig sein, vielleicht gewisse Arten, aber das geht auch sehr stark von unten nach oben, also je nach Nahrungsverfügbarkeit. Und die Frage an sich ist sehr schwer zu beantworten, weil wir es uns eingestehen müssen, dass wir wirklich die Zusammenhänge da draußen noch nicht wissen. Wir glauben immer, wir können das an einer Art festmachen, was hat die für Leistung, was bringt sie in der Natur? Aber das System ist so vernetzt, dass wir noch gar nicht wissen, was passiert, wenn eine Art fehlt, weil das so viel Auswirkungen auf andere Arten haben kann.
00:18:06: ,300 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Adler gehören sicher zu einer der sehr gut beobachteten und erforschten Art im Nationalpark Hohe Tauern. Warum ist diese - Beobachtung diese Forschung euch so wichtig?
00:18:21: ,080 [Gunther Gressmann (Gast)] Na ja, der Adler ist eigentlich stellvertretend für ein ganzes Ökosystem. Wenn man eine gewisse Trendentwicklung der Adlerbestände beobachtet und erhebt, dann kann man auch Rückschlüsse ziehen aufs ganze Ökosystem der Alpen. Verschwinden andere Arten, die wichtig sind für den Adler? Wie schaut's da aus und so weiter? Wie schaut's mit Lebensräumen aus? Und deshalb ist es ganz wichtig, dass man zumindest zu Arten, die stellvertretend auch für andere stehen, einen gewissen Monitoring unterliegen lässt.
00:18:49: ,120 [Christine Brugger (Moderatorin)] Ein Projekt, an das wir uns beide gut erinnern, Anfang des Jahrtausends, war Aquilalp. Aquila ist der lateinische Name für den Adler. Was wurde da untersucht und welche Daten liegen da vor?
00:19:04: ,760 [Gunther Gressmann (Gast)] Also Aquilalp war ein Projekt, da haben sich fünf Schutzgebiete der Alpen zusammengeschlossen, um einmal wirklich Grundlagen zu den Adlerbeständen in den jeweiligen Gebieten zu erheben. Man hat halt so Schätzungen gehabt, aber nicht genau gewusst und man hat eigentlich dann einmal damit begonnen, Horste zu suchen und geschaut, wie viel Horste findet man im jeweiligen Gebiet. Und über diese Horste hat man dann versucht, die Bruterfolge zu ermitteln, weil es gibt Adlerreviere, die haben zum Teil bis zu zwölf, dreizehn Horste und in einem wird halt gebrütet. Und das war dann ganz wichtig auch für die Folgejahre, dass man das aktualisiert und weiterschaut. Und dann war es okay, das Paar brütet oder das Paar brütet nicht. Dann hat man versucht, die Reviere abzugrenzen und in Summe war das insofern interessant, jetzt nicht nur aus Sicht des Nationalparks Hohe Tauern. Wenn man denkt, jetzt in Österreich haben wir ungefähr so bei die dreihundertsechzig bis dreihundertachtzig Adlerpaare, allein über vierzig wahrscheinlich in den Hohen Tauern, dann hat das schon eine Aussagekraft. Und wenn fünf große Schutzgebiete wie damals zusammen machen, dann hat das für die ganzen Alpen schon Aussagekraft. Das war Nationalpark Stilfserjoch und der Naturpark Sennes-Fanes-Prags, der Naturpark Rieserferner-Ahrn und der Nationalpark Dolomiti Bellunesi.
00:20:15: ,100 [Christine Brugger (Moderatorin)] Im Nationalpark gibt es einen Managementplan, der sich über das ganze Schutzgebiet zieht, aber auch einzelne Arten wie Steinböcke, Bartgeier oder eben auch Steinadler werden gemanagt. Was ist das Ziel?
00:20:29: ,420 [Gunther Gressmann (Gast)] Das ist jetzt auch eine spannende Frage, weil im Endeffekt geht's ja nicht ums Management der Arten, weil die Art selber weiß eh am besten, was sie unter den gegebenen Bedingungen machen würde. Es geht ums Management von Menschen. Die ganze Wildbiologie ist ja eigentlich people-management. Man weiß gewisse Ansprüche, die gewisse Arten an Lebensräume und so weiter haben. Und mit Managementplänen, wie es der Nationalpark hat, versucht man eben eine gewisse Beständigkeit für die Leute, äh, zu bringen, die dann damit ins Boot geholt werden müssen, wie zum Beispiel die Grundbesitzer, wenn es um die Erhaltung von Lebensräumen geht und so weiter. Darum gibt's die ganzen Managementpläne.
00:21:05: ,200 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und was wäre dann ein Ziel? Die Bestände zu erhalten oder zu verbessern?
00:21:11: ,880 [Gunther Gressmann (Gast)] Beim Steinadler zumindest einmal diese Bestände zu erhalten, weil der Adler eine Art ist, die sich selber sehr stark reguliert. Der wird nicht überschießen, was Populationsgrößen betrifft. Und das große Ziel muss sein, weil wir reden jetzt ja nur über eine Art, wenn man sie, Begriff der Biodiversität und so weiter ist bekannt, dass man zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, wenn möglich, so wenig Arten wie möglich in der Zukunft noch verlieren, weil wir eben in dem ganzen Ökosystem sind, wo wir nicht wissen, welche Bedeutung hat welche Art.
00:21:38: ,940 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wenn du sagst, sie regulieren sich selber, was kann man darunter verstehen?
00:21:43: ,280 [Gunther Gressmann (Gast)] Na ja, es ist so, wenn die Reviere besetzt sind, dann sind Jungadler gezwungen, neue Reviere zu suchen. Klar, hin und wieder wird irgendwo ein Altvogel ausfallen, der wird nachbesetzt. Aber man weiß heute, dass, äh, auf dieser Reviersuche, bis dann wirklich ein neues Revier besetzt ist, ungefähr fünfundsechzig Prozent, was jetzt so die letzten Studien sagen, der Jungadler sowieso wieder eingehen. Also die schaffen es gar nicht so weit, weil sie an Revierkämpfen, an anderen Umweltfaktoren verenden. Und so gesehen reguliert sich die Art sehr gut selber. Und die Zahl könnte vielleicht sogar noch steigen, weil jetzt reden wir ja nur über freie Reviere im Alpenvorraum. Das heißt, da können sich Adler noch etablieren. Wenn die Reviere einmal voll sind, dann werden noch mehr Adler wahrscheinlich verenden, weil sie es gar nicht bis zum Reviervogel schaffen.
00:22:25: ,820 [Christine Brugger (Moderatorin)] Zur Selbstregulierung gehört der Begriff der Populationsdynamik. Was genau verstehen wir darunter?
00:22:31: ,760 [Gunther Gressmann (Gast)] Je nachdem, wie eine Population strukturiert ist, was das Alter der Individuen betrifft, was das Geschlechterverhältnis betrifft, desto anders laufen die Prozesse in der Population. Habe ich viel Alttiere, schreiten junge Tiere viel später zur Brut oder zur Fortpflanzung, je nachdem, welche Art. Das heißt, da haben wir Regulationsmechanismen. Passiert irgendwas aufgrund von Umwelteinflüssen und es bricht einmal die ganze Spitze an Alttieren weg, wird das Ganze viel dynamischer, weil auf einmal neue Reviere kommen, weil Jungvögel viel früher produzieren. Man muss dann immer schauen, wie schaut eine Population zu welchem Zeitpunkt aus. Und beim Steinadler ist es jetzt so, dass zum Beispiel die letzten Jahre abgesehen vom Jahr 2025, da war der Bruterfolg der Adler überraschend groß und jetzt haben wir eine Phase, wo er eigentlich im Vergleich zu den damaligen Zahlen eher gering ist. Was jetzt die Prozesse dahinter sind, für das haben wir noch viel zu wenig Wissen, was da mitspielt.
00:23:27: ,560 [Christine Brugger (Moderatorin)] Derzeit läuft das Interreg-Projekt East Alp Eagle Alliance, in dem der Nationalpark Hohe Tauern gemeinsam mit dem Nationalpark Berchtesgaden, dem Naturpark Zillertaler Alpen, der Universität Innsbruck und dem Verein Alpine Biodiversity über die Grenzen der Hohen Tauern hinausschaut. Was wird da untersucht?
00:23:48: ,104 [Gunther Gressmann (Gast)] Wo Jungadler besendert werden, alpenweit, wo man auch plötzlich sieht, was Jungadler machen, was man eigentlich gar nicht geglaubt hat. Also zum Beispiel der Jungadler, der im letzten Jahr im Defereggental, auch dank der Jäger, dass man das dort machen haben dürfen, besendert worden ist, hat zum Beispiel acht Monate gar nichts gemacht. Und dann, wie er das Revier verlassen hat, ist er mehr oder weniger fast eineinhalb Mal den ganzen Alpenbogen auf und ab geflogen und derzeit ist er noch wieder in der Schweiz. Also da sieht man schon, was die Vögel auf der Reviersuche machen und wo die dann vielleicht landen. Und da, gleich wenn wir beim Fenster aussi schauen am Zunig, haben wir jetzt einen Vogel da, der ist 2020 in der Schweiz besendert worden. Da schaut's aus, der hat jetzt da das Revier übernommen, weil er sich seit einem halben Jahr eigentlich nur mehr da aufhält. Und dann weiß man ja noch nicht wirklich, wie verhalten sich Adler von den ganzen Flugmanövern, was können sie, welche Strecken überbrücken sie. Da kommt man auch immer mehr über so Projekte zu neuen Erkenntnisse. Also man weiß jetzt zum Beispiel, dass Jungadler mit ungefähr vier Monaten alle Flugmanöver können wie ein Altadler, aber sie können die Landschaft noch nicht lesen, wo habe ich welche Winde, also Aufwinde, Thermiken und, und, und, dass ich das wirklich nutzen kann. Das können sie erst mit drei Jahren. Also da sieht man, da sind ja schon elends lange Lernprozesse auch bei so einer Art dahinter, wo man glaubt, na ja, wenn der mal ausgeflogen ist, dann kann er quasi alles, was ein Adler können muss.
00:25:08: ,984 [Christine Brugger (Moderatorin)] Klingt spannend, aber zurück zu den Geiern. Wie sicher ist der Erhaltungszustand von Bartgeiern und Gänsegeiern?
00:25:15: ,704 [Matthias Lehnert (Gast)] Sicher sagen kann man das auf keinen Fall, denn der Bartgeier ist immer noch eine der seltensten Vogelarten in ganz Europa. Wir reden gerade mal von einer Population in Europa von fünfhundert Tieren. Das ist für eine Vogelart verschwindend gering. Und bei den Gänsegeiern erholen sich zwar die Populationen langsam, aber in vielen Teilen, wo einst der Gänsegeier, aber auch der Bartgeier war, da ist er noch nicht. Und dieses Jahr gab es sechs Vergiftungsfälle in Österreich von Gänsegeiern in dem Fall. Man hat nachgewiesen, dass es ein seit 2008 verbotenes Gift war, was da verwendet wurde. Also es ist schon irgendwo erkennbar, dass die Menschen bestimmte Tierarten weg haben wollen. Ziel dieser Vergiftungsfälle waren höchstwahrscheinlich nicht die Gänsegeier, sondern der Wolf. Aber die Gänsegeier waren leider die Leidtragenden. Wir hoffen, dass es in Zukunft den Populationen besser geht, aber so ein Wiederansiedlungsprojekt braucht immer einen sehr langen Atem.
00:26:19: ,104 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das war jetzt viel Information. Die dazu passenden Fotos kann ich leider nicht liefern, aber mit etwas Geduld und Blick nach oben sieht man sie, die Könige der Lüfte auf einer Wanderung im Nationalpark Hohe Tauern. Für mich immer eine faszinierende Begegnung. [Musik] Mit diesem Bild verabschiedet sich Christine Brugger aus der heutigen Aufgehorcht-Folge, sagt Danke fürs Zuhören und pfiat enk. Bis zum nächsten Mal.
00:26:50: ,464 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Musik] Das war Aufgehorcht. Ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser: Vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.
00:27:10: ,444 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Vogelgezwitscher]
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