#012 Hochgebirge: Der Wandel als Konstante

Shownotes

Eine Landschaft in Bewegung Die alpine Landschaft wirkt auf den ersten Blick unveränderlich. Doch der genaue Blick zeigt: In den Hohen Tauern passiert ständig etwas – manches spektakulär, vieles langsam und für uns kaum wahrnehmbar. Das Projekt CC-Habitalp (Change Check) hat untersucht, wie sich die Landschaft in drei Gebieten des Nationalparks Hohe Tauern über einen Zeitraum von 24 Jahren verändert hat. Dafür wurden Luftbildaufnahmen aus 1998 und 2022 verglichen und verschiedene Habitat- und Bodenbedeckungstypen systematisch kartiert. Untersucht wurden das Seebachtal in Kärnten, das Sulzbachtal in Salzburg und das Innergschlöss in Osttirol. Zusammen umfassen die Untersuchungsgebiete rund 150 Quadratkilometer. Was hat sich verändert? Die Ergebnisse zeigen eine erstaunlich dynamische Landschaft: Auf rund einem Drittel der untersuchten Fläche wurden Veränderungen festgestellt. Dazu zählen unter anderem: • der Rückgang von Gletschern • die Entstehung neuer Seen in ehemaligen Gletscherbereichen • Veränderungen von Wald- und Vegetationsflächen • Murgänge, Überschwemmungen und Rutschungen • Veränderungen durch menschliche Nutzung • Veränderungen der Waldgrenze und Vegetationsentwicklung. Besonders eindrucksvoll ist das Beispiel eines neu entstandenen Sees im Untersuchungsgebiet: Wo sich früher Gletschereis befand, ist inzwischen ein See von knapp 20 Hektar entstanden. Auch weniger offensichtliche Veränderungen wurden sichtbar. So ging im Seebachtal der Bestand an Grünerlen deutlich zurück. Als mögliche Erklärung wurde lokales Expertenwissen herangezogen: Ein Pilz hatte die Bestände stark reduziert. Was hat der Klimawandel damit zu tun? Der Klimawandel spielt bei vielen der beobachteten Veränderungen eine Rolle. Besonders offensichtlich ist das beim Gletscherrückgang. Gleichzeitig verändern sich auch die Bedingungen für Wald und Vegetation: Die Waldgrenze wandert langsam nach oben, und ehemals vegetationsfreie Flächen werden besiedelt. Bei anderen Prozessen – etwa Felsstürzen, Murgängen oder Hangrutschungen – lässt sich der konkrete Anteil des Klimawandels anhand der vorliegenden Zeitreihe allerdings nicht eindeutig bestimmen. Warum sind die Daten wichtig? Die Untersuchung bewertet die Veränderungen nicht, sondern dokumentiert sie und schafft eine Grundlage für Vergleiche. Dadurch lässt sich besser erkennen, welche Prozesse bereits im Gang sind und wie sich die Landschaft weiterentwickeln könnte. Für den Nationalpark bedeutet das: Landschaftsschutz braucht auch ein Verständnis dafür, wie sich die Landschaft verändert. Das Projekt wurde 2025 abgeschlossen. Auf dieser Grundlage soll unter anderem untersucht werden, was auf Flächen passiert, wenn der Gletscher verschwunden ist – mit einem besonderen Fokus auf Gletschervorfelder. Zu Gast: • Angelika Riegler, Forschungskoordinatorin beim Rat des Nationalparks Hohe Tauern • Mario Lumassegger, Geograf bei Revital

zu den Projektinfos auf parcs.at des Nationalparks Hohe Tauern.

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00:00:01: ,140 [Angelika Riegler (Gast)] Dass es sehr viele Veränderungen gegeben hat, die nicht durch ein Lawinenereignis oder eine Mure oder irgendeiner Extremsituation, die eine Schlagzeile bekommt, passieren, sondern sehr viel der Veränderungen auch langsam und eigentlich für den Laien unbemerkt vonstattengehen.

00:00:20: ,120 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht. Der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.

00:00:30: ,360 [Christine Brugger (Moderatorin)] In einigen Ausgaben des Aufgehorcht Podcasts haben wir über Zeugen in der Landschaft gesprochen. Moränen und Seen als Überbleibsel der Gletscher beziehungsweise der Eiszeit, Halden und Gruben als Relikte des Bergbaus in den Hohen Tauern. Christine Brugger sagt Servus und lädt ein, Veränderungen in der Landschaft aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Das Projekt CCHabitalp, CC kommt von Change Check, überprüft Veränderungen in der Landschaft anhand der Bodenbedeckung und macht sie über fast ein viertel Jahrhundert hinweg sichtbar. Darüber spreche ich mit Projektleiterin Angelika Riegler, Forschungskoordinatorin beim Rat des Nationalparks Hohe Tauern und mit Mario Lumassegger, Geograf bei der Firma Revital, der mittels 3D-Technik diese Veränderungen dokumentiert hat. Was erzählt uns die Landschaft, Angelika Riegler? Wonach habt ihr gesucht?

00:01:31: ,720 [Angelika Riegler (Gast)] Im Mittelpunkt standen natürlich anthropogene Prozesse, die die Landschaft sichtbar verändern. Dazu gehören insbesondere der Gletscherrückgang, Gewässerdynamik und Geschiebeumlagerungen, Murgänge, Überschwemmungen und Rutschungen, dann die Vegetations- und Waldgrenzenentwicklung, die Sukzession und natürlich auch die Veränderung durch die menschliche Nutzung.

00:01:55: ,740 [Christine Brugger (Moderatorin)] Normalerweise werden Landschaften samt Topografie und Arten von Menschen in Handarbeit kartiert. Mit einer neuen Methode wurden im Projekt Habitalp Veränderungen anhand von Luftbildern sichtbar gemacht. Mario Lumasegger, wie können wir uns das vorstellen?

00:02:14: ,900 [Mario Lumasegger (Gast)] Von der technischen Seite kann man sich's so vorstellen wie ein 3D-Kinofilm. Das kennt vielleicht jeder. Man hat eine sogenannte Shutterbrille auf, also diese 3D-Brillen, wie sie auch in den Kinos verwendet werden und von der Technologie her ist es eigentlich das Gleiche. Also der Bildschirm liefert abwechselnd Bilder, die sich überlappen und das Gehirn verarbeitet eigentlich durch diese Brille nachher das Ganze zum 3D-Eindruck.

00:02:40: ,120 [Mario Lumasegger (Gast)] Also das heißt, eigentlich braucht man nur die Luftbilder, klassische Luftbilder, die aus dem Flugzeug aufgenommen worden sein, die einen Überlappungsbereich haben und das Gehirn macht eigentlich den Rest und visualisiert das Ganze dann in 3D.

00:02:55: ,760 [Christine Brugger (Moderatorin)] Aber wenn ich nach dem Kino die Brille absetze, dann ist es ja vorbei. Wie kann man das nachhaltig dokumentieren?

00:03:02: ,000 [Mario Lumasegger (Gast)] Also das war bei uns so, wenn wir die Brille abgesetzt haben, ist es vorbei. Aber wir haben tatsächlich diese Brille den ganzen Arbeitstag und das über viele Tage, Wochen und Monate haben wir diese Brille aufgehabt und diese Veränderungen, die wir dann eben am Bildschirm in 3D gesehen haben, haben wir dann digitalisiert. Also es ist im Prinzip nachgezeichnet. Also das, was man sieht, zeichnet man am Bildschirm mit einer speziellen 3D-Maus dann nach, damit man die Höhen alle auch mit dokumentiert. Und das eben in einem sehr, sehr genauen Maßstab.

00:03:33: ,960 [Christine Brugger (Moderatorin)] Also die Quellen haben wir schon erwähnt. Luftbilder, die übrigens von Land und Bund alle 3 Jahre in Auftrag gegeben werden. Welchen Zeitraum umfasst euer Projekt?

00:03:44: ,140 [Mario Lumasegger (Gast)] Wir haben da jetzt einen Zeitraum von 24 Jahren dokumentiert. Also die ersten entsprechenden Luftbildaufnahmen waren aus dem Jahr 1998 und der Vergleichsstand, der Referenzstand dazu, war dann aus dem Jahr 2022. Also wir haben den Ausgangszustand 1998 dokumentiert und dann den Ist-Zustand quasi 2022. Und diese 24 Jahre sind jetzt unsere Veränderungsperiode. Also für diesen Zeitraum haben wir dokumentiert, was hat sich tatsächlich in der alpinen Landschaft alles verändert. Also all das, was man wirklich visuell mit dem Auge am Luftbild erkennen kann, ist damit dann dokumentiert worden.

00:04:24: ,600 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was war die Frage, mit der man an dieses Projekt herangegangen ist, Angelika Riegler?

00:04:29: ,040 [Angelika Riegler (Gast)] Es war sehr entscheidend bei dem Projekt, dass nicht einfach zwei Luftbilder nebeneinandergelegt worden sind, sondern dass die Habitattypen kartiert wurden und eben systematisch bei dieser Erfassung herausgekommen ist, was sich zwischen den zwei Zeitpunkten verändert hat.

00:04:46: ,860 [Christine Brugger (Moderatorin)] Habitattypen, also Lebensraumtypen, das verstehe ich, aber welche Methodik steckt dahinter?

00:04:54: ,500 [Mario Lumasegger (Gast)] Zu dem Projekt ist eine bestehende Methodik verwendet worden, die sich nennt CC-Habitat Alp, deswegen auch der Titel von dem Projekt. Das ist eben eine schon seit Jahren erprobte und gesicherte Methode, die genau für Habitattypen in den Alpen entwickelt worden ist. Habitattypen, wie wir schon gesagt haben, die sich eben definieren über unterschiedliche Bodenbedeckungsklassen. Also da gibt's Grobhhabitattypen, das seien zum Beispiel Gewässer, Offenland, Wald, ähm, Gletscher, Extremstandorte, Schutt, Geröll, also alles das, was man eben so findet. Und das gliedert sich dann in verschiedene Subtypen und Untertypen auf, dass man eben alles, was man wirklich unterscheiden kann, dann entsprechend auch dokumentieren kann.

00:05:34: ,540 [Christine Brugger (Moderatorin)] Also ob da eine Wiese ist, ob da ein Baum steht oder stand, ob da Wald ist oder offen Flächen.

00:05:40: ,940 [Mario Lumasegger (Gast)] Ja, ganz genau. Und dann geht es eben bis zu den einzelnen Pflanzenarten herunter. Also man unterscheidet dann den Lärchenwald vom Fichtenwald oder die Grauerlenau von Fichtenbestand, der im Auwald steht. Also es wird alles bis ins kleinste Detail differenziert.

00:05:55: ,000 [Christine Brugger (Moderatorin)] Welche Gebiete hat man sich da genau angeschaut und warum wurden die ausgewählt?

00:06:02: ,196 [Angelika Riegler (Gast)] Untersucht wurden drei Gebiete im Nationalpark Hohe Tauern. Das erste, das Seebachtal in Kärnten, in der Gemeinde Mallnitz. Dann das 2 ist das Sulzbachtäl in Salzburg in der Gemeinde Neukirchen am Großvenediger. Und das 3 ist das Innergschlöss in Osttirol in der Gemeinde Matrei. Die 3 Gebiete decken unterschiedliche Landschaftssituationen ab, äh, in verschiedenen Bereichen von tiefen, äh, wo auch eben Flusslandschaften sind, bis in hochalpine beziehungsweise nivale Höhenstufen. Und dadurch kann man dann auch verschiedenste Prozesse miteinander vergleichen.

00:06:37: ,636 [Angelika Riegler (Gast)] Und man bekommt eben durch diese 3 Gebiete, die quer übern Nationalpark verteilt sind, nicht die eine klassische Veränderung im Nationalpark, sondern eben 3 unterschiedliche Geschichten darüber, wie die Landschaft bei uns funktioniert.

00:06:50: ,176 [Christine Brugger (Moderatorin)] Von diesen 3 Gebieten haben wir im „Aufgehorcht"-Podcast bereits gehört. In Teilflächen der Untersuchungsgebiete finden nämlich Langzeitmonitoringprogramme statt. Daten daraus fließen ebenfalls in das Projekt ein. Wie groß sind die Flächen insgesamt?

00:07:09: ,336 [Mario Lumasegger (Gast)] Also die Untersuchungsgebiete haben jeweils so plus minus 50 Quadratkilometer. Das heißt, wir haben 150 Quadratkilometer flächendeckend kartiert und diese 150 Quadratkilometer decken repräsentativ den Nationalpark ab. Also das ist eigentlich ein Querschnitt durch die alpine Landschaft, sowohl auf der Südseite des Nationalparks als auch auf der Nordseite in allen 3 Bundesländern. Und damit hat man eigentlich repräsentative Flächen ausgewählt, wo man einfach die Erkenntnisse, die man da gewinnt, dann auf den gesamten Nationalpark übertragen kann.

00:07:43: ,416 [Christine Brugger (Moderatorin)] Gab es Überraschungen oder was hat beeindruckt bei dieser Bestandsaufnahme?

00:07:50: ,976 [Mario Lumasegger (Gast)] Ganz grundsätzlich, wenn man sich das vorstellt, was hat sich in 24 Jahren im alpinen Raum verändert? Da möchte man ja vielleicht meinen, ja gut, die Gletscher, die werden ein bisschen die Fläche reduziert haben. Das ist bekannt. Aber was soll da sonst großartig passieren? Also das ist doch eigentlich eine statische Landschaft, die sich in Summe nicht wahnsinnig stark verändern wird. Und genau das habe ich extrem spannend gefunden. Das ist nämlich nicht so, weil wir haben auf einem Drittel der Fläche, also wenn man sich das vorstellt, 150 Quadratkilometer, ein Drittel sind circa 50 Quadratkilometer. Auf einem Drittel der Fläche haben wir Veränderungen festgestellt. Also das heißt, das ist alles andere als statisch. Das ist eigentlich ein sehr dynamischer Landschaftsbereich, der sich in unterschiedlichsten Weisen eben verändert. Also das ist das allseits bekannte, ja, Gletscher reduzieren sich. Dann wäre aber schon wieder spannend, was entsteht denn da, wo vorher der Gletscher war? Was ist denn da jetzt? Und dazu können wir eben jetzt Daten liefern.

00:08:42: ,055 [Christine Brugger (Moderatorin)] Gibt es ein Beispiel, was das ein bisschen greifbar macht? Oder gibt es ein Beispiel, dass wir uns das besser vorstellen können?

00:08:50: ,016 [Mario Lumasegger (Gast)] Ein Beispiel dafür wäre die Seen. Also es entsteht eine neue Seenlandschaft in der hochalpinen Stufe an Standorten, wo vorher Gletschereis war. Das ist ziemlich spektakulär. Ich bin gerade zufällig drüber gestolpert. Vor 2 Wochen hat mich eine Bekannte gefragt: „Welcher See ist der größte in Osttirol?" Jetzt beschäftige ich mich mit dem Thema und bin selber Geograf, aber ich habe keine Ahnung gehabt, welcher denn der größte See Osttirols ist. Und das ist genau so ein See, der sich entwickelt hat aus dem Rückzug des Gletschers. Jetzt nicht in unserem Projektgebiet, aber ähnliche Verhältnisse. Also das ist der Sankt-Joseph-See. Der hat in Summe, ähm, jetzt 22 Hektar, liegt in der Rieserfernergruppe, also im hinteren Defereggental unterm Lengstein. Der zweitgrößte See aktuell, der ist in unserem Untersuchungsgebiet. Schladenkies ist abgeschmolzen. Am Ende vom ehemaligen Schladenkies ist jetzt ein See. Ich weiß nicht, ob der einen Namen hat. Der hat knapp 20 Hektar, zweitgrößter See Osttirols. Ziemlich groß und spektakulär. Hat es vorher nicht gegeben und allein da sieht man einfach, wie dynamisch das Ganze ist. Also wo wir uns das in 3D angeschaut haben, das war quasi unser Standard-Demobild. Da hat sich der See gerade gebildet, der Gletscher ist zerfallen, da sind die Eisschollen im See herumgeschwommen. Jetzt in der Zwischenzeit, Prozess geht natürlich weiter, kein Eis mehr. See ist in der Zwischenzeit so groß, dass er der zweitgrößte Osttirols ist. Das zeigt einfach, wie viel sich in dem alpinen Raum ändert und was sich da tut. Und das ist eigentlich das, was mich am meisten beeindruckt hat, diese Dynamik, die in der Zone vorherrscht, dass man sich eben eigentlich nicht so vorstellen würde.

00:10:27: ,605 [Christine Brugger (Moderatorin)] Inwieweit wird das dann bewertet oder einfach nur festgestellt und dokumentiert?

00:10:33: ,646 [Mario Lumasegger (Gast)] Das wird tatsächlich nur festgestellt. Also es gibt dann einfach am Ende Zahlenvergleiche, wo dann steht, vorher haben wir gehabt, ich sage jetzt eine Hausnummer, hundert Hektar Seenfläche und jetzt haben wir in dem Untersuchungsgebiet plötzlich 300 Hektar Seenfläche. Also da sieht man einfach dann einen Vergleich, kann da Trends ableiten. Wir haben da auch versucht, die Prozesse, die dahinterstecken, zu dokumentieren. Also warum ist das jetzt passiert? Das geht bei vielen Prozessen relativ einfach, weil da sieht man eine Mure zum Beispiel. Vorher war das ein alpiner Rasen neben dem Gebirgsbach und dann kam ein paar Starkniederschlag, eine Mure, nachher ist das übersehrt und es gibt da Geschiebe, Geröll, die den Rasen überlagert haben. Da weiß man, okay, irgendwann in den 24 Jahren ist der Prozess Murgang passiert und damit hat man die Ursache. Bei anderen Sachen ist das schwieriger. Da haben wir zum Teil auch so lokales Expertenwissen mit eingezogen, dass wir einfach gefragt haben: „Was kann denn da der Hintergrund sein? Warum ist denn das jetzt so?"

00:11:31: ,596 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wer sind da lokale Experten oder Expertinnen?

00:11:35: ,456 [Mario Lumasegger (Gast)] Also unsere Ansprechpartner waren dann natürlich die Personen vom Nationalpark, die entsprechende Gebiets- und Lokalkenntnisse haben.

00:11:43: ,816 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was kam dann zutage an Erklärungen?

00:11:46: ,476 [Mario Lumasegger (Gast)] Da fällt mir ein als Beispiel, im Seebachtal ist dokumentiert worden, dass sich die Grünerlen sehr stark reduziert haben. Also eigentlich ein Biotop-Typ, der in den Lagen sehr beständig ist und eigentlich sich ausdehnt, wenn nicht gerade eine Lawine den Bestand reduziert. Und der ist eben massiv reduziert festgestellt worden. Und schlussendlich war dann die Erklärung, dass es sich dabei um einen Pilz handelt, der genau auf diesen Ort eben abzielt und, und diese Bestände so reduziert hat. Also durchaus eine spannende Sache, die wir eben jetzt nicht vom Bild her erklären haben können.

00:12:24: ,266 [Christine Brugger (Moderatorin)] Also das war dann das Expertenwissen. Und wie schaut es mit dem Nutzungswandel aus, also mit der Almwirtschaft, mit der Berglandwirtschaft?

00:12:33: ,980 [Mario Lumasegger (Gast)] Da wissen wir natürlich, dass die Nutzung, vor allem die almwirtschaftliche Nutzung, abnimmt. Das führt dazu, dass in den dann ehemaligen Almgebieten ein gewisser Trend zur Verbuschung dokumentiert werden kann. In unseren drei Untersuchungsgebieten hat man das jetzt nicht als ganz klaren Trend erkennen können, weil die drei Gebiete relativ einen geringen Anteil an, äh, Almnutzung aufweisen und gerade in den Gebieten ist das auch tatsächlich stabil. Also da hat sich's nicht verändert. Also da hat's relativ wenig Entwicklungen in Richtung Verbuschung gegeben. Eher seien sogar wieder ehemals genutzte Flächen geschwendet worden und es ist dann wieder eine neue Almnutzung da entstanden. Also ich glaube, da hat man den, den größeren Trend nicht richtig abbilden können.

00:13:17: ,780 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie schaut's mit dem Wald aus, mit dem Baumbestand?

00:13:21: ,300 [Mario Lumasegger (Gast)] Die Veränderungen im Wald haben auch sehr spannende Ergebnisse gebracht. Ähm, ganz konkret im Seebachtal. Aufgrund der Tatsache, dass das Seebachtal im Verhältnis zu den anderen Untersuchungsgebieten relativ niedrig von der Seehöhe liegt, haben wir da große Hangwälder, Hangwaldflächen mit untersucht. Und aufgrund der Wetterereignisse, der Extremniederschläge und der Sturmtiefs, die Ende der 2010er-Jahre da durchgezogen sein, haben wir dann im Wald massive Veränderungen dokumentiert. Einerseits diese Schäden, die dann dazu geführt haben, dass der Borkenkäfer, wie wir das eh jetzt vor allem da bei uns in Osttirol und Oberkärnten sehr stark beobachten können, sich ausgebreitet hat und in weiterer Folge dann auch innerhalb des Nationalparks, hauptsächlich in Kärnten.

00:14:09: ,580 [Christine Brugger (Moderatorin)] Inwieweit haben sich Auswirkungen des Klimawandels im Beobachtungszeitraum heraus kristallisiert?

00:14:16: ,580 [Mario Lumasegger (Gast)] Das Augenscheinlichste ist natürlich immer Beispiel Gletscher. Wir wissen, Klimawandel verursacht Gletscherschmelze. Der Klimawandel verursacht aber genauso, dass sich die Bedingungen für den Wald verändern, dass der Wald ganz, ganz langsam, also das passiert auch nicht sprunghaft und der, der Wald kommt eigentlich dem Klima gar nicht hinterher. Das dauert viel länger. Der wandert ganz, ganz langsam, aber stetig nach oben. Genauso die Vegetation im Allgemeinen. Also es werden Flächen besiedelt, die vorher Schuttfeinsediment waren. Die werden aufgrund der erhöhten Temperaturen, der klimatischen Veränderungen, werden die besiedelt und es wird jetzt grüner in den Bergen. Dann gibt's natürlich viele Prozesse, die beinhalten den Klimawandel, aber die werden jetzt nicht ganz konkret dem Klimawandel als Prozess zugeordnet. Also wir wissen, der Permafrost taut ab und dadurch entstehen vielleicht mehrere Felsstürze, Bergstürze, Murgänge, Hangrutschungen. Also das bedingt das, aber das können wir jetzt nicht eindeutig auf den Klimawandel schieben. Also das sind einfach Prozesse, die, die stattfinden natürlich, aber da wissen wir nicht, um wie viel Prozent das jetzt zugenommen hat. Also für das reicht jetzt quasi unsere Zeitreihe nicht aus. Und genauso spielt der Klimawandel natürlich beim Borkenkäfer eine Rolle. Durch die höheren Temperaturen kann er sich besser vermehren und deswegen besser ausbreiten. Also es sind ganz, ganz viele Aspekte, wo das reinspielt und manchmal ist es eben der Hauptgrund für den Veränderungsprozess und manchmal eben ein Teilgrund. Aber es ist eigentlich quer durch die Bank irgendwo immer ein Teilgrund der Veränderung.

00:15:47: ,120 [Christine Brugger (Moderatorin)] Jetzt schützen Daten keine Natur und sie halten auch den Klimawandel nicht auf. Warum sind sie dennoch wichtig?

00:15:56: ,500 [Angelika Riegler (Gast)] Wenn wir wissen, wie und wo sich die Landschaft verändert, dann können wir die Veränderungen künftig auch besser beobachten, einordnen und vergleichen. Natürlich können wir mit diesen Daten nicht einfach in die Zukunft schauen, aber wir können erkennen, welche Prozesse bereits am Laufen sind und damit viel besser beobachten, wohin sich die Landschaft weiterentwickeln wird. Für uns als Nationalpark heißt es auch, eine Landschaft zu schützen, sie zu verstehen. Und eben diese Landschaft verstehen können wir nur, wenn wir auch die Veränderungen, die wir beobachten und dokumentieren, über längere Zeit vergleichen.

00:16:32: ,940 [Christine Brugger (Moderatorin)] Landschaft kann man nur schützen, wenn man sie versteht. Mario Lumasegger, was hast du verstanden?

00:16:39: ,060 [Mario Lumasegger (Gast)] Das ist eine sehr gute Frage. Man weiß, es passieren Veränderungen. Das hängt irgendwie mit dem Klimawandel zusammen, vielleicht auch mit anderen Dingen, dass man das wissenschaftlich fundiert belegt mit Fakten, dass man Daten schafft, dass man sagen kann, aufgrund des Klimawandels hat sich die Waldgrenze um 100 Höhenmeter nach oben verschoben, zum Beispiel. Ansonsten ist es immer Mutmaßung. Ähm, man sagt: „Ja, okay, die, die Waldgrenze wandert nach oben. Was heißt das?" Man weiß es nicht genau und mit einer entsprechenden Datenlage kann man eben diese Dinge verstehen und quantifizieren. Und das ist das, was ich persönlich aus der Landschaft gelernt habe. Also das, was man im Kopf hat, was man sich vorstellt, entspricht eben nicht unbedingt dem, was dann am Ende eines solchen Projekts am Papier steht. Also man wird da tatsächlich überrascht und man sieht die Landschaft mit anderen Augen. Also man erkennt dann Dinge, die einem vorher nicht so bewusst waren.

00:17:32: ,440 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie geht es weiter? Das Projekt wurde im Jahr 2025 abgeschlossen. Was könnte jetzt anschließen oder darauf aufbauen?

00:17:41: ,280 [Angelika Riegler (Gast)] Wir haben aktuell ein neues Projekt in den Startlöchern, was sich beschäftigt mit der Frage, was passiert auf den Flächen, wenn der Gletscher weg ist und eben den Fokus auf Gletschervorfelder zu richten. Das ist jetzt quasi einmal eines der Projekte, wo man sagen kann, dass auch dieses Habitalp-Projekt eine gute Grundlage geboten hat.

00:18:02: ,420 [Christine Brugger (Moderatorin)] Welche Fragen würden dir für die Zukunft einfallen, Mario?

00:18:06: ,000 [Mario Lumasegger (Gast)] Ja, Fragen vielleicht weniger. Eher die Hoffnung, dass der Nationalpark dann diesen Datenberg, den wir da eigentlich geschaffen haben, diesen sehr vielfältigen und hochwertigen Datenberg, dass man den auch weiterverwendet. Also dass da wirklich versucht wird, neue Projekte daraus zu ziehen, neue Fragestellungen daraus zu entwickeln und dass das einfach weiter bearbeitet wird. Und ich glaube, dass das noch ein sehr großes Potenzial hat in Bezug auf Forschung, in Bezug auf Umweltbildung, in Bezug auf Bewusstseinsbildung. Also das kann man, glaube ich, in vielfältige Schienen einsetzen und für uns wäre natürlich schön, wenn man das Projekt dann auch wiederholen könnte in ein paar Jahren.

00:18:41: ,700 [Christine Brugger (Moderatorin)] Der Datenberg liegt vor. Ist er denn auch zugänglich, Angelika?

00:18:45: ,700 [Angelika Riegler (Gast)] Ja, der Datenberg ist beim Nationalpark Hohe Tauern zugänglich. Das heißt, wir haben den Endbericht und die Daten bei uns im Datenzentrum parks.at abgelegt und jeder, der Interesse hat, äh, sich da weiter damit zu beschäftigen oder gewisse Auswertungen zu machen, ist herzlich willkommen, sich an uns zu wenden.

00:19:03: ,120 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wir dürfen also gespannt sein, wenn in spätestens 25 Jahren die nächste Auflage von CC Habit Alp durchgeführt wird und der Change Check dann aufzeigt, was im letzten halben Jahrhundert passiert ist. Spannend ist auch die Frage, was mit den Arten passiert, wenn sich die Bodenbedeckung verändert, was mit den Lebensbedingungen von Tieren und Pflanzen. Denn in der Ökologie hängt alles mit allem zusammen. Auch das haben wir in diesem Podcast schon mehrfach gehört. Ich werde bei meiner nächsten Wanderung im Nationalpark Hohe Tauern einen besonderen Blick auf die Schotter- und Schutthalden werfen, die der Gletscher freigegeben hat. Christine Brugger sagt: „Danke fürs Zuhören. Pfiatenk und bis zum nächsten Mal."

00:19:56: ,500 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war Aufgehorcht, ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser: Vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.

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