#011: Naturgefahren & Infrastruktur im Klimawandel
Shownotes
In dieser Episode von „Aufgehorcht“ dreht sich alles um alpine Naturgefahren im Zeichen des Klimawandels. Gemeinsam mit Experten, Hüttenwirten und Wegearbeiterin werfen wir einen Blick auf die aktuellen Veränderungen in den Alpen:
Warum tauender Permafrost Berge instabil macht Welche Risiken durch Gletscherrückgang entstehen Wie sich die Erzherzog-Johann-Hütte sichtbar verändert Welche Herausforderungen Hüttenbetriebe und Infrastruktur bewältigen müssen Wie Wanderwege gepflegt, verlegt oder aufgegeben werden Warum Monitoring entscheidend für zukünftige Anpassungsstrategien ist
Mit: Ingo Hartmeier (GeoResearch, Salzburg) Toni Riepler (Hüttenwirt und Bergführer, Erzherzog-Johann-Hütte) Martina Mattersberger (Wegebau Sektion ÖAV Matrei in Osttirol)
Die Alpen verändern sich – und wir müssen lernen, mit diesen Veränderungen umzugehen. Die Natur macht dies ohnedies.
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00:00:00: ,540 [Musik] Intro-Musik]
00:00:01: ,910 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Wir wissen aus zahlreichen Untersuchungen, dass die Felswände, die durch den Gletscherrückgang freigelegt werden, eine um ein Vielfaches höhere Steinschlaggefahr aufweisen. Ein gewisses Erreichbarkeits- beziehungsweise Logistikproblem kann sich dort ergeben, wo Hüttenzustiege über Gletscher, ähm, erfolgen. Dort wird's natürlich zunehmend schwer, den Höhenunterschied zu überwinden. Das sehen wir ja jetzt schon an zahlreichen Orten in den Alpen.
00:00:23: ,820 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] "Aufgehorcht", der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.
00:00:35: ,790 [Christine Brugger (Moderatorin)] Über Klimawandel, Erwärmung und Gletscherschmelze haben wir in diesem Podcast schon oft gesprochen. Was bedeutet das aber für die Infrastruktur im Nationalpark Hohe Tauern? Was wird sich verändern und wie können wir damit umgehen? Christine Brugger begrüßt ganz herzlich zu einer "Aufgehorcht"-Folge über alpine Naturgefahren. Mit den Messungen dieser Veränderungen beschäftigt sich Ingo Hartmeier, Geschäftsführer der GeoResearch Forschungsgesellschaft, den ich in Salzburg getroffen habe. Toni Riepler, Hüttenwirt der Erzherzog-Johann-Hütte, muss sich diesen Veränderungen ebenso stellen wie Martina Mattersberger und der Wegebautrupp der Sektion Mattrei des Österreichischen Alpenvereins. Aber beginnen wir mit einer Definition: Was verstehen wir eigentlich unter alpine Naturgefahren, Ingo Hartmeier?
00:01:28: ,280 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Alpine Naturgefahren sind grundsätzlich mal potenziell schadbringende Ereignisse, die also für Mensch und Infrastruktur eine potenzielle Gefährdung darstellen. Das heißt, vom reinen Naturprozess, also von der reinen, vom reinen geomorphologischen Ereignis, unterscheidet sich eine alpine Naturgefahr dahingehend, dass es meistens um die Betrachtung einer menschlichen Infrastruktur geht.
00:01:50: ,400 [Christine Brugger (Moderatorin)] Um einige Beispiele zu nennen?
00:01:52: ,200 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Also klassisches Beispiel ist natürlich der Steinschlag. Jeder, der schon mal in den Alpen auf den Straßen unterwegs war, kennt die Steinschlag-Hinweisschilder. Wenn ein Stein von oben kommt, kann das natürlich ein Problem verursachen, ein Risiko verursachen und da gibt's auch größere Ereignisse wie Felsstürze. Bei ganz großen Ereignissen sprechen wir dann von Bergstürzen. Das sind, äh, Ereignisse, wo sich ganze Hangflanken bewegen, die Murgänge, äh, wenn auch Wasser im Spiel ist und das Wasser zur Mobilisierung von Erdreich, auch von organischem Material führt, kennen wir das alle, gerade in den steilen Tälern, da gibt's leidvolle Erfahrungen nach großen, äh, Niederschlagsereignissen. Und dann gibt's natürlich die stark hydrologisch gesteuerten, äh, Naturgefahren wie lokale Überflutungen oder größere Überschwemmungen nach Starkregenereignissen oder lang anhaltenden Niederschlägen.
00:02:38: ,760 [Christine Brugger (Moderatorin)] Spektakulär kann man das beobachten im Nationalpark Hohe Tauern im Obersulzbachtal. Dort gibt es eine Talflanke, die mehr oder weniger immer in Bewegung ist. Was passiert da?
00:02:51: ,000 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Ja, das ist tatsächlich ein sehr spannendes Fallbeispiel. Äh, wir monitoren das jetzt seit, äh, über zehn Jahren. Die Ursache dieser Bewegung geht eigentlich schon viel weiter zurück. Es hat sich dort 2005 infolge eines sommerlichen Starkniederschlages ein Teil dieser Talflanke in Bewegung gesetzt und im Lauf der Jahre ist durch einerseits Permafrostrückgang im oberen Bereich dieser Talflanke und andererseits durch sehr starken Wassereintrag im unteren Bereich dieser Flanke, hat sich ein sehr großer Teil in Bewegung gesetzt, der ähnlich einer, man kann sich so als zähflüssige, kriechende Masse vorstellen, Richtung Tal fließt, also Richtung Obersulzbach. Und diese Bewegung ist seit, seit zwanzig Jahren im Gange. Wir schauen uns das sehr genau an. Wir identifizieren diese Bewegungsraten über Drohnenbefliegungen zum Beispiel. Und da wurden dort allein in den letzten zehn Jahren schon rund eine Million Kubikmeter ausgetragen. Also das ist eine sehr, sehr große Gesteins- und Materialmenge, die dort am Talboden abgelagert wurde, beziehungsweise dann zum Teil vom Obersulzbach mitgenommen und aus dem Tal ausgetragen wurde.
00:03:54: ,799 [Christine Brugger (Moderatorin)] Anschauen kann man das tatsächlich auf einem Weg, der von der Postalm durchs Obersulzbachtal zum Talschluss führt. Dieser Weg ist relativ sicher?
00:04:05: ,659 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Dieser Weg ist sicher. Äh, der wird auf der anderen Talseite geführt. Das ist im Prinzip eine Forststraße, die spektakuläre Einblicke eigentlich auf dieses Naturereignis bietet, weil man grad in der, in der Sommersaison, wenn dort die meisten Wanderinnen und Wanderer unterwegs sind, ist dort ständig Aktivität zu beobachten und vor allem zu hören. Also man hört dort ständig dieses Poltern, äh, des Gesteins, das über diese Trogschulter hinunterstürzt. Das ist sozusagen Geomorphologie live, weil man das einfach mithören und, und mitsehen kann. Und dieses Gestein wird unmittelbar unterhalb dieses steilen Felsbereiches auf einem großen Schuttkegel abgelagert. Das heißt, diese gegenüberliegende Talseite und der Bereich, wo man zu Fuß unterwegs ist, ist sicher. Also von dem her ist das dort kein Risiko für die Besucher.
00:04:49: ,220 [Christine Brugger (Moderatorin)] Solche Ereignisse im Kleinen kann man jeden Sommer im Hochgebirge beobachten, wenn Wege vermurt werden, wenn Wege wegrutschen, wenn Hütten durch Abrutschungen bedroht sind. Wo liegt die Ursache dieser Ereignisse?
00:05:06: ,656 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Na ja, das Komplexe an der Sache ist, dass es nicht diese eine alles erklärende Ursache gibt. Also es gibt eine Vielzahl an, an möglichen Problemen, die, äh, gerade im Hochgebirge, in der hochalpinen Kryosphäre, von der sprechen wir in diesem Zusammenhang, oft auftreten können. Die hochalpine Kryosphäre ist jener Bereich des Hochgebirges, der von Eis beeinflusst ist. Da fallen einem als erstes Mal natürlich die Gletscher ein. Die sind ja ganz, äh, offensichtlich und ein ganz prägendes Landschaftselement. Aber da gibt's eben auch den Permafrost, das ist der permanent gefrorene Untergrund. Und wenn es im Permafrost, so wie in allen anderen, ähm, Bereichen der Alpen, zu einer Erwärmung kommt, dann kann das lokal beziehungsweise auch an größeren Flächen zu einem Rückgang der Hang- und der Feldstabilität führen und infolge dieses Stabilitätsrückganges kann es dann zu Problemen kommen. Wichtig ist, dass das nicht überall der Fall ist. Also nicht überall, wo der Permafrost abtaut oder sich erwärmt, kommt es zu Problemen, aber gerade dort, wo er sehr eisreich ist, also wo viel Eis in Klüften vorhanden ist oder auch im, im Lockermaterial, wo in den, in den Zwischenräumen sehr viel Eis ist, kann es zu starken Absenkbewegungen kommen, zu Kriechbewegungen. Und wenn wir jetzt an ein Hüttenbauwerk denken, da reichen schon ganz kleine Bewegungen, kleine Absenkbewegungen und das ist dann ein Problem für die Fundamente. Es kommt zu Rissen in den Gebäuden. Es, es muss jetzt nicht immer gleich zu einem großen Hangversagen kommen, das jetzt Gefahr für Leib und Leben bedeutet. Für Bauwerke sind natürlich auch schon die kleinen Risse, die kleinen Absenkbewegungen ein Problem für die langfristige Erhaltung.
00:06:40: ,536 [Christine Brugger (Moderatorin)] Auch da gibt es ein prominentes Beispiel im Nationalpark Hohe Tauern. Das ist die Erzherzog Johann Hütte, auf 3.454 Metern Seehöhe die höchstgelegene Schutzhütte Österreichs, direkt unter dem Gipfel des Großglockner. Auch dort taut der Permafrost auf. Auch dort ist GeoResearch im Einsatz. Was messen Sie?
00:07:03: ,286 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Ja, wir sind sehr stolz und sehr froh, dass wir dort seit letztem Sommer, also seit September 2025, äh, zwei tiefe Permafrostbohrlöcher in Betrieb haben. Es ist so, dass man die Veränderungen im Permafrost eigentlich nur über direkte Temperaturmessungen feststellen kann und diese direkten Temperaturmessungen kann man nur über Bohrungen durchführen. Das heißt, wir müssen in das, äh, gefrorene Gestein bohren und dann in diesem Bohrloch Temperatursensoren anbringen. Das ist ein sehr aufwendiges und in der Regel sehr teures Verfahren. Es gibt in Österreich im Moment zwei oder gab bis vor Kurzem nur zwei Standorte, wo das dauerhaft durchgeführt wurde und wird. Das ist einerseits das Kitzsteinhorn, wo das seit 2015 der Fall ist und andererseits der Hohe Sonnblick, äh, wo seit 2010 Bohrlochmessungen durchgeführt werden. Und seit letztem September haben wir eben auch an der Erzherzog Johann Hütte zwei Permafrostbohrlöcher, die uns sehr wertvolle Einblicke in die thermische Dynamik des Permafrosts geben. Also wir wollen natürlich verstehen, wie sich dieser Permafrost verändert. Wir wollen verstehen, wie schnell diese Auftauprozesse vonstattengehen, was für Bewegungen damit einhergehen. Damit können wir dann unsere Modelle füttern, können Steinschlag und, und Felssturzrisiken besser berechnen. Das heißt, wir brauchen für unsere Risikobetrachtungen, wir brauchen für fundierte Anpassungsmaßnahmen, die wir in der Zukunft sicher ergreifen müssen, eine solide fundierte Datengrundlage. Und ein wichtiger Punkt im Bereich dieser Datengrundlagen sind Permafrostbohrlöcher. Und da sind wir eben sehr froh, dass wir jetzt mit den Bohrlöchern an der Adlersruhe den höchsten Permafrost-Monitoring-Standort in den Ostalpen, äh, seit letztem September in Betrieb haben und freuen uns schon sehr auf die Daten, die uns dieser Standort in den nächsten Jahren liefern wird.
00:08:38: ,616 [Christine Brugger (Moderatorin)] Diese Daten sind wichtig. Die Messungen und, äh, Beobachtungen halten die Dynamik aber nicht auf. Sie haben eben von Anpassungsmöglichkeiten gesprochen. Was kann der Mensch tun?
00:08:52: ,836 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Also eine Messung oder ein Monitoring eines Prozesses per se ist noch keine Anpassungsmaßnahme. Äh, mit der Messung versuchen wir zuerst einmal, den Prozess zu verstehen und auf einem soliden, fundierten Prozessverständnis können wir dann unsere Anpassungsmaßnahmen aufbauen. Das heißt, wenn wir unsere Resilienz, unsere Widerstandsfähigkeit gegenüber den Klimawandelfolgen erhöhen wollen, und das müssen wir im Laufe der nächsten Jahre und Jahrzehnte definitiv tun, dann braucht es zuallererst einmal ein genaues Verständnis der wirkenden Prozesse. Und dafür sind diese Monitoringmaßnahmen, wie zum Beispiel Permafrostbohrlöcher, so wichtig. Das Permafrostbohrloch selbst, um das auch klar zu sagen, verhindert keinen Steinschlag. Das verhindert keine Absenkbewegung einer Hütte. Aber es gibt uns grundsätzlich die Chance, Zeitskalen festzulegen, über die wir reagieren müssen und dann sinnvolle, auch wirtschaftlich sinnvolle Anpassungsmaßnahmen zu planen und schlussendlich umzusetzen.
00:09:46: ,166 (Musik]
00:09:51: ,156 [Christine Brugger (Moderatorin)] Szenenwechsel auf die Erzherzog Johann Hütte, im Volksmund Adlersruhe genannt, und zu Hüttenwirt Toni Riepler. Toni, du bist seit 2017 Hüttenwirt. Was hat sich in dieser Zeit, in diesen neun Jahren verändert?
00:10:07: ,366 [Toni Riepler (Gast)] Ja, es hat sich oben vieles verändert. Wenn wir jetzt von der Hütte selber ausgehen, von den Verhältnissen, vom Klima her, merkt man schon, dass es einfach oben immer wärmer wird. Es gibt weniger Schnee oben, weniger Firnfelder. Früher hat direkt hinter der Hütte, hat nicht das Eis, aber der Firn angefangen, also der mehrjährige Schnee, der dann später Eis bildet. Also da ist gleich hinter der Hütte quasi schon so ein Firnfeld gewesen, wo man dann quasi Richtung Bahnhof, Richtung Eisleitl und dann Glockner aufgebrochen ist und aufgestiegen ist. Jetzt ist hinter der Hütte a komplette Felswüste. Du bist eigentlich nicht mehr am Eis. Also man könnte eigentlich fast schon den Glockner eisfrei gehen. Bis auf wenige Bereiche am Ködnitzkees ist es im Prinzip schon im Sommer schon möglich. Also das hat es früher nicht gegeben und für uns ist natürlich das schon eine Riesenveränderung, weil wir haben oben keine Quelle und nichts, gell. Wir, wir brauchen ja Wasser. Wir tun eigentlich das Trinkwasser mit der Seilbahn raufliefern und das Brauchwasser, das aufbereitet wird, das haben wir oben quasi aus Schmelzwasser gewonnen. Und das ist mittlerweile ein Riesenproblem, dass wir da oben a Wasser hinaufbringen.
00:11:10: ,896 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie schaut's mit der baulichen Substanz der Hütte aus? Was sagt die zur Erwärmung?
00:11:16: ,615 [Toni Riepler (Gast)] Ja, die Hütte bewegt sich extrem und tendenziell in eine Richtung, nach unten. Und dadurch, dass die Hütte eben auf teilweise auf Fels gebaut ist, teilweise dann auch mit Fundamenten früher schon versucht worden ist, gut zu, zu fundamentieren, gibt es ein paar Punkte, wo sie eigentlich gut aufliegt. Aber dazwischen, drinnen und teilweise ostseitig, gibt es Bereiche, wo Permafrostbereiche sind, das jetzt quasi dann auftaut und dann einsackt und die Hütte bewegt sich massiv, also im Zentimeterbereich sackt die nach hinten zusammen. Man kennt es zum Beispiel oben bei Türstöcken, die neunzig, neunzig Zentimeter Durchgangsbreite haben, da fallen sie im Türstock drei Zentimeter Höhenunterschied auf die neunzig. Das ist schon mit freiem Auge gut erkennbar, dass das Ganze sich bewegt, ja.
00:12:01: ,983 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was kann man dagegen tun? Wie geht ihr mit dieser Herausforderung um?
00:12:07: ,684 [Toni Riepler (Gast)] Ja, man kann dagegen natürlich schon was tun, äh, aber das kostet natürlich sehr viel Geld und der österreichische Alpenclub hat da quasi letztes Jahr begonnen, eben diese Fundamentierung zu verbessern mit Tiefenbohrungen, dass man die ganze Hütte auf, auf so druck- und zugfeste Anker stellt, dass man runterbohrt bis in den gewachsenen Fels und versucht, dann wirklich dauerhaft eine Standfestigkeit herzustellen. Kostet natürlich ein Vermögen alles zusammen und ist baulich sehr aufwendig zum Bauen, weil oben Baumaterial selber im Prinzip nur durch Hubschrauber raufgeflogen werden kann. Die Seilbahn schafft das nicht, die ist mit zweihundert Kilo limitiert und Baumaterial kann da, kann da nicht viel transportiert werden. Wie gesagt, die Bauzeiten sind begrenzt auf wenige Wochen im Sommer, wo das dann auch zum Arbeiten geht. Brutal schwierig zum Arbeiten in der Höhe natürlich mit den Witterungseinflüssen, mit der Höhe selber. Und du brauchst einfach Spezialisten, die das können auch.
00:13:00: ,104 [Christine Brugger (Moderatorin)] Viel Geld bedeutet ja auch, irgendwo muss eine Refinanzierung herkommen.
00:13:06: ,744 [Toni Riepler (Gast)] Ja, die alpinen Vereine, also Alpenverein als Bekanntester, die Naturfreunde, der österreichische Touristenclub und eben der Hüttenbesitzer da, also der österreichische Alpenclub, die haben natürlich auch ein bisschen so einen Auftrag, alpine Infrastruktur zu erhalten, nicht nur die Hütten, auch die Wege und so weiter. Und die nehmen natürlich sehr viel Herzblut, Geld in die Hand von den Mitgliedsbeiträgen, von Förderungen, von Gönnern und natürlich ein kleiner Teil auch von den Hüttenwirten durch die Hüttenpacht, aber durch die Hüttenpacht rein würde sich das nie ausgehen. Also auch durch meinen Gastrobetrieb oben würde ich so eine Baustelle nie zahlen können. Also das geht nur durch externe, viele verschiedene Finanzierungsquellen. Und wie gesagt, da muss man halt dann Jahr für Jahr so Pläne machen: Wie viel Geld kann man ausgeben? Es wird jetzt auch heuer wieder oben gebaut, die Ostfassade. Das bewegt sich so im zweihunderttausender Euro-Bereich, äh, Jahr für Jahr, wo sie versuchen halt, nichts zu überschreiten, weil es sich einfach nicht mehr ausgeht. Das wird halt dann quasi wieder investiert, aber profitabel ist so eine Hütte für den Hüttenbesitzer, glaube ich nie.
00:14:08: ,864 [Christine Brugger (Moderatorin)] Toni, du bist auch Bergsteiger und Bergführer. Die Folgen des Klimawandels, das Auftauen des Permafrostes, kann man das auch bei den Bergtouren, bei den Klettertouren am Glockner feststellen?
00:14:22: ,664 [Toni Riepler (Gast)] Das kann man schon feststellen. Medial sehr präsent war letztes Jahr dieser Felssturz am Stüdlgrat. Der Fels wird nicht besser, es geht in eine Richtung. Und da oben diese Stelle, das war das Stahlseil da rauf, also eine Kletterstelle, wo man wirklich dann so ein Stahlseil zur Hilfe genommen hat. Und da ist quasi untertags der ganze Bereich runtergebrochen. Sehr spektakulär. Und da war natürlich ein Riesenglück. Gott sei Dank keine Leute unmittelbar betroffen an der Stelle, weil sonst hätte es eine Riesen-Tragödie ergeben. Und wie gesagt, es ist schon generell im alpinen Raum, man spürt schon, dass der Steinschlag und dass Felsstürze mehr werden, dass Sicherungssachen ausbrechen, teilweise Sicherungshaken. Wir haben teilweise schon rückgebaut, wo Haken gebohrt worden sind in Felsblöcken, die vorher für gut befunden worden sind und dann jetzt durch die Ausaperung auf einmal nur lose daliegen. Also da muss man so einen Haken natürlich entfernen auch wieder, aber sonst zieht sich jemand den Stein da hinunter. Und nicht extrem, aber man merkt schon immer wieder so Zwischenfälle, wo quasi auch mit ein bisschen der ganzen Veränderung das Ganze zu tun hat, ja.
00:15:23: ,724 [Christine Brugger (Moderatorin)] Vom Stüdlgrat steigen wir ein Stockwerk hinunter auf die Wanderwege und Steigei m Nationalpark Hohe Tauern. Auch sie sind von Vermurungen und Rutschungen betroffen. Hier gibt es viel zu tun. Im Salzburger Anteil des Schutzgebietes sind Nationalparkmitarbeiter im Einsatz, auch die Tourismusverbände und Alpenvereinssektionen mit den “Tauernwegmanda” kümmern sich um die Wege. In Kärnten sind im Sommer 15 Wegarbeiter unterwegs, unterstützt durch den Kärntner Nationalparkfonds, bei 560 Kilometern Wanderwegen kommen mehr als 12.000 Arbeitsstunden zusammen. Wie das in der Praxis ausschaut, weiß Martina Mattersberger von der Sektion Matrei des ÖAV. Sie koordiniert im Sommer fünf Arbeiter.
00:15:48: ,344 [Martina Mattersberger (Gast)] Also unser Arbeitsgebiet ist eben hauptsächlich da in Osttirol, im Nationalpark Hohe Tauern. Und wir sind in Kals unterwegs, im Defreggental, dann in Lienz, im Tauerntal natürlich auch, teilweise auch Pinzgau, also im Krimmler Bereich waren wir auch mal oder Rudolfshütte, das ist, äh, das Arbeitsgebiet vom österreichischen Alpenverein, vom Hauptverein. Da sind wir eigentlich auch relativ viel unterwegs.
00:16:16: ,103 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie schaut's aus nach dem Winter?
00:16:19: ,304 [Martina Mattersberger (Gast)] Ja, nach dem Winter sind eben teilweise von Lawinen Beschädigungen und was auch ein großer Teil ist, dass man nach dem Winter die Brücken wieder aufbauen. Die werden im Herbst abgebaut, damit eben die Lawinen oder der Schneedruck sie nicht beschädigt. Und das ist dann die Hauptarbeit im Frühling oder im Frühsommer, dass die Brücken alle wieder, äh, instand gesetzt werden.
00:16:41: ,704 [Christine Brugger (Moderatorin)] Zu den Schäden nach dem Winter kommen noch die akuten Ereignisse während des Sommers. Wie werdet ihr darauf überhaupt aufmerksam?
00:16:50: ,344 [Martina Mattersberger (Gast)] Ja, das wird teilweise von Hüttenwirten gemeldet oder von Wanderern, die unterwegs sein, oder von Bauern. Dann müssen sie ausrücken. Und das ist eben der Vorteil, dass wir vor Ort sind, weil die Sektionen, die sind ja alle weiter weg und so. Also die, wos eigentlich für das Arbeitsgebiet zuständig sind, die beauftragen uns dann, für den Schaden zu beheben und das ist dann eigentlich innerhalb von ein paar Tagen behoben.
00:17:12: ,944 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie kann man sich das vorstellen, so eine Baustelle auf zweitausend, zweieinhalbtausend Metern Höhe?
00:17:20: ,484 [Martina Mattersberger (Gast)] Ja, einmal ein weiter Anstieg. [lacht] Also man muss fit sein und dann natürlich viel zum Tragen, also schwer zum Rauftragen. Und das Wetter ist natürlich auch nicht immer das Feinste, spielt auch nicht immer mit.
00:17:32: ,544 [Christine Brugger (Moderatorin)] Das heißt, das ist alles händische Arbeit?
00:17:35: ,984 [Martina Mattersberger (Gast)] Genau, das ist alles händische Arbeit. Pickel und Schaufel sind die Hauptarbeitsmittel von den Arbeitern. Wobei wir letztes Jahr einen Einsatz mit einem Bagger gehabt haben. Da wurde der Steig auf die Neue Pragerhütte gerichtet. Äh, im Zuge von der Baustelle oben war ein Schreitbagger oben und der hat dann beim Runterfahren sozusagen, hat er dann mit dem Wegbautrupp einen wunderschönen Weg angelegt mit den Steinplatten und der sehr lang halten sollte.
00:18:02: ,324 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was gilt es da zu berücksichtigen, wenn man im Nationalpark Hohe Tauern Wege baut?
00:18:07: ,800 [Martina Mattersberger (Gast)] Ja, es soll halt ins Landschaftsbild vom Nationalpark passen. Es, es soll halt auch nicht zu steil angelegt sein, dass alle Wanderer den Weg bezwingen können. Ja.
00:18:16: ,640 [Christine Brugger (Moderatorin)] Lässt sich alles richten oder gibt's auch Wege, wo man sagt, die gehen gar nimmer?
00:18:22: ,480 [Martina Mattersberger (Gast)] Na, es gibt auch Wege, die gehen gar nimmer. Zum Beispiel haben wir vor einem Jahr, haben wir in Kals einen Weg verlegen müssen, weil eben immer Abrutschungen sein und der ist dann nimmer still gewesen, der Weg. Und deswegen haben wir dann den Weg verlegt in eine andere Stelle. Das ist halt dann zehn Minuten weiter zu gehen, aber ist sicher sicherer.
00:18:40: ,880 [Christine Brugger (Moderatorin)] Jetzt ist das ja ein ziemlicher Aufwand. Wie können sich das die Sektionen leisten?
00:18:45: ,700 [Martina Mattersberger (Gast)] Die Sektionen sein hauptsächlich vom österreichischen und vom deutschen Alpenverein und die werden unterstützt vom Nationalpark Hohe Tauern und eben vom Alpenverein kriegen sie eine große Förderung, dass für die Sektionen selber nur ein kleiner Teilbetrag übrig bleibt. Also der Aufwand von unserem Wegbautrupp, der lohnt sich auf jeden Fall, dass die Wege vor allem sicher gehalten werden. Und was ich auch finde, dass es eine Lenkungsmaßnahme ist, dass die Gäste auf dem Weg bleiben, dass sie den Weg finden, durch das, dass man immer wieder die Markierungen neu machen, dass sie nicht kreuz und quer irgendwo gehen, dass die, die Vegetation halt erhalten bleibt.
00:19:21: ,000 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und wie wird es weitergehen, Ingo Hartmeier?
00:19:25: ,140 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Also zuerst einmal, wir wissen ja ziemlich genau Bescheid, in welche Richtung wir uns klimatisch entwickeln. Und wir wissen ja auch ganz genau, was wir tun müssen, damit wir diese Entwicklung zu unseren Gunsten beeinflussen. Und das ist ganz einfach: Wir müssen die Treibhausgasemissionen reduzieren. Aber die Bestandsaufnahme ist klar: Wir leben in einer sich sehr stark erwärmenden Atmosphäre und auch, auch kurzfristig gesetzte Maßnahmen werden daran jetzt mal unmittelbar nichts ändern. Das heißt, wir steuern auf eine, auf eine eisfreie Alpenzukunft zu und wir steuern auch, vielleicht über einen etwas längeren Zeitraum, auf eine permafrostfreie Klimazukunft in den Alpen zu. Was wird sich verändern? Also grundsätzlich ist es so, dass wir uns natürlich bei solchen Fragen an Gebirgsräumen orientieren können, äh, in denen sich solche Entwicklungen schon vollzogen haben. Also wenn wir jetzt ein bisschen weiter in Richtung Süden schauen, uns zum Beispiel, äh, die Pyrenäen anschauen, wo es keine Gletscher und keinen Permafrost mehr gibt, dann können wir uns die Alpenzukunft schon ein bisschen ausmalen. Und was wir sehen, ist, äh, dass, äh, infolge des Gletscherrückgangs und des Permafrostrückgangs kein Katastrophenszenario eintreten wird. Also es ist nicht so, dass jeder Berggipfel kollabieren wird. Das wird sicher nicht passieren. Aber was passiert und das, das sehen wir eben an, an solchen Vergleichen, ist, dass es lokal gebunden an, an gewisse Höhenzonen, an gewisse Himmelsrichtungen, an gewisse geologische Schwächezonen zu Problemen kommen wird. Und diese Probleme müssen wir über Monitorings, über Langzeitbeobachtungen identifizieren.
00:20:49: ,820 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und aus der Perspektive des Hüttenwirtes, wie siehst du das nächste Jahrzehnt?
00:20:53: ,970 [Toni Riepler (Gast)] Spannend. (lacht) Uns fehlt der Sommerschnee, uns fehlt quasi diese Basis für unser Schmelzwasser, das halbwegs sauber ist. Das Gletscherwasser selber ist zum Aufbereiten fast unmöglich, gell, und auch nicht ganz so gesund, wenn's im Sommer keinen festen Niederschlag mehr gibt, gell. Und mit der Dreimeter-Seilbahn das ganze Brauchwasser zu liefern, wird technisch sehr spannend werden, weil die Bahn einfach durch Gewicht und durch Zeit limitiert ist. Du kannst nur eine gewisse Menge in einer gewissen Zeit raufbringen.
00:21:21: ,020 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wenn wir jetzt einen Blick in die Kristallkugel werfen, wie werden sie dann aussehen, die Gipfel im Nationalpark Hohe Tauern?
00:21:32: ,740 [Ingo Hartmeier (Gast) ] Das schöne, unberührte Weiß wird aus den großen Höhenlagen verschwinden während der Sommersaison. Im Winter wird's weiterhin kalt genug sein für entsprechende Schneeauflage. Aber gerade das, das sommerliche Bild wird sich sehr, sehr stark verändern. Wir steuern auf eine Zukunft zu, in der die Alpen signifikant anders aussehen werden, aber wir werden sie auf jeden Fall weiterhin nutzen können. Aber sie werden sich verändern.
00:21:56: ,580 [Christine Brugger (Moderatorin)] Fazit: Veränderungen passieren, auch wenn wir uns das nicht wünschen. Dazu braucht es Anpassungsstrategien, worüber wir aber die Ursachen des Klimawandels und wie unser aller Verhalten damit zusammenhängt, nicht vergessen dürfen. Mit diesem Appell verabschiedet sich Christine Brugger aus der heutigen "Aufgehorcht"-Folge, sagt Danke fürs Zuhören und wünscht einen schönen Bergsommer.
00:22:24: ,500 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war "Aufgehorcht", ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser, vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben.
00:22:45: ,090 Hintergrundmusik]
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