#010: Eine Reise in die Arktis

Shownotes

Themen der Episode • Einzigartigkeit des Nationalparks Hohe Tauern • Lebensraumvielfalt auf kleinem Raum • Einfluss der Eiszeiten auf Landschaft und Arten • Geologische Besonderheiten wie das Tauernfenster • Tier- und Pflanzenwelt der Alpen • Klimawandel und seine Auswirkungen auf Hochgebirgsräume

Gesprächspartner • Robert Lindner – Direktor Haus der Natur Salzburg • Gerhard Lieb – Geograf & Gletschermessdienst (ÖAV)

Zentrale Erkenntnisse • Auf nur ~20 km Distanz existieren extreme Lebensraumunterschiede • Die Alpen sind ein „Treffpunkt“ von Arten aus Arktis, Asien und Europa • Eiszeiten formten die Landschaft und ermöglichten Artenwanderungen • Gletscher sind zentrale Gestalter – und verschwinden aktuell rapide • Der Nationalpark dient als wichtiger Rückzugsraum für Biodiversität

Tipps & Orte Geotrail Tauernfenster (bei Heiligenblut) Gletscherthemenweg Inngergschlöß Gletscherthemenweg Obersulzbachtal

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00:00:01: ,300 [Robert Lindner (Gast)] Bei einer relativ kleinen horizontalen Distanz, vielleicht zwanzig Kilometer Distanz zwischen dem Talboden und dem Berggipfel, haben wir eine unglaubliche Lebensraumvielfalt, sozusagen von Europa bis in arktische alpine Lebensräume.

00:00:17: ,300 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Aufgehorcht, der Podcast mitten aus dem Nationalpark Hohe Tauern. Mit faszinierendem Naturwissen, Begegnungen und besonderen Klängen.

00:00:28: ,420 [Christine Brugger (Moderatorin)] Der Nationalpark Hohe Tauern ist der älteste in Österreich, der größte im Alpenraum. Er erstreckt sich über 1.800 Quadrat-Kilometer. All das haben wir in dieser Podcast-Reihe schon gehört. Aber warum ist er gerade hier entstanden? Was macht das Gebiet so schützenswert? Dieser Frage möchte ich heute nachgehen. Servus, sagt Christine Brugger und begrüßt zu einer Aufgehorcht-Folge über die Einzigartigkeit des Nationalparks mitten in den Alpen. Dazu treffe ich Robert Lindner, Direktor am Haus der Natur in Salzburg, der den Nationalpark schon lange begleitet und Gerhard Lieb, Professor für Geografie und seit acht Jahren verantwortlich für den Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins. Beide referieren an der Nationalpark Akademie als Vortragende und dort haben wir uns auch kennengelernt. Von Robert Lindner möchte ich gerne wissen: Was macht dieses Gebiet nun so besonders, dass man gerade hier einen Nationalpark gegründet hat?

00:01:32: ,020 [Robert Lindner (Gast)] Also die Idee, einen, ein Schutzgebiet, einen Nationalpark hier in den Hohen Tauern zu gründen, ist mittlerweile über hundert Jahre alt.

00:01:41: ,020 [Robert Lindner (Gast)] Warum man immer auf diese Landschaft geschaut hat, war natürlich, äh, einerseits, dass sie einen repräsentativen Ausschnitt der Ostalpen vor allem darstellen. Der höchste Berg Österreichs liegt in den Hohen Tauern

00:01:58: ,300 [Robert Lindner (Gast)] und die Alpen waren gerade auch vor hundert Jahren circa wirklich ein Rückzugsort für die Natur. Also man darf nicht vergessen, dass im 19. Jahrhundert sehr viele Tierarten durch die Einführung von modernen Jagdwaffen und so weiter aus weiten Bereichen der Landschaft verschwunden sind. Und das alles ist in den Alpen langsamer gegangen und damit hatte man hier noch einen relativ naturnahen Lebensraum. Und das, da kommt die Idee her. Und das hat sich bis in die 80er Jahre, wo es dann tatsächlich zu den Gründungen des Nationalparks kommt, nicht verändert. Es war weiterhin ein Naturjuwel mitten in einer mittlerweile sehr intensiv genutzten Landschaft. Ein Lebensraum, der noch, ist natürlich falsch zu sagen, unberührt ist, aber der noch sehr naturnah ist.

00:02:48: ,880 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was beinhaltet dieser Lebensraum? Ökologen sprechen von Landschaftstypen. Welche finden wir da vor?

00:02:55: ,510 [Robert Lindner (Gast)] Wir beginnen im Wald, im montanen Wald. Wir gehen über den Bergwald, Fichtenwald, Lärchen-Zirbenwald, dann in die offenen Grasflächen, die teilweise natürlicherweise offen sind, teilweise vom Menschen geschaffen offen sind durch die Almbewirtschaftung. Und dann in die Region des Felseneis, des, wir wissen es heute nicht mehr ewigen Gletschereises, aber die, äh, ganz andere Lebensraumbedingungen haben als im Tal. Und das macht, glaube ich, auch die Vielfalt der Alpen und im Speziellen natürlich der Hohen Tauern aus, dass wir hier auf einer relativ kleinen horizontalen Distanz, wir reden da oft darüber, wenn man von oben drauf schaut, vielleicht zwanzig Kilometer Distanz zwischen dem Talboden und dem Berggipfel. Und auf dieser Distanz haben wir eine unglaubliche Lebensraumvielfalt, sozusagen von Europa bis in arktische alpine Lebensräume.

00:03:49: ,680 [Christine Brugger (Moderatorin)] Eine Reise in die Arktis wird das ja auch gerne genannt. Welche Bedeutung spielt der Alpenhauptkamm? Wir haben die Südseite und die Nordseite auf dem Gebiet des Nationalparks Hohe Tauern.

00:04:03: ,060 [Robert Lindner (Gast)] Zusätzlich zu dieser reinen schieren Höhenerstreckung vom Talboden bis zu den Gipfelregionen sind die Alpen auch insofern sehr markant, weil sie ost-west verlaufen und quasi quer zu den Hauptwetterströmungen Europas stehen. Und das führt dazu, dass klimatisch wir einen deutlichen Unterschied zwischen Süd- und Nordabdachung der Hohen Tauern haben. Also alle Höhengrenzen sind um zweihundert, zweihundertfünfzig Meter nach oben verschoben auf der Südseite. Äh, sie sind deutlich trockener als die Nordabdachung der Alpen. Also da kommt zusätzlich zu dieser Höhenerstreckung auch noch ein Unterschied in der klimatischen Gesamtsituation zwischen Nord und Süd, also noch ein Aspekt, der die Vielfalt hier erhöht.

00:04:53: ,320 [Christine Brugger (Moderatorin)] Welche Tiere sind da zu nennen? Was finden wir vor?

00:04:57: ,700 [Robert Lindner (Gast)] Was sicherlich auch das Besondere der Hohen Tauern ist, dass man hier noch eine komplette Artengarnitur der typisch alpinen Fauna und Flora vorfindet. Die Hohen Tauern waren immer eines jener Gebiete, in denen noch Steinadler gebrütet haben und auch zu Zeiten, als so ein Steinadler zum Beispiel in Österreich generell die Bestände wirklich Tiefststände erreicht haben. Ähm, wir haben hier natürlich alle typischen hochalpinen Arten, von der Gemse bei den Säugetieren bis zum Alpendohle oder Schneesperling, äh, bei den Singvögeln, bei den Pflanzen sowieso hochangepasste alpine Polsterpflanzen vom Rudolf Steinbrech bis hin zur Krummsegge, was auch immer einem da einfällt. Die typisch alpinen Artengarnituren, die hier noch vollständig erhalten sind und unter denen sich eben auch einige Arten finden, die diese Besonderheit haben, dass sie in den Hochlagen der Alpen und eben auch in arktischen Lebensräumen vorkommen, die sozusagen hier mitten in Europa noch einen Lebensraumtyp finden, der ansonsten erst viel weiter nördlich in einer ähnlichen Art, äh, auftritt.

00:06:09: ,444 [Christine Brugger (Moderatorin)] Wie sind diese Arten dahin gekommen? Wie hat es sie über tausende Kilometer hinweg vertragen, möchte ich mal ganz lapidar formulieren.

00:06:18: ,383 [Robert Lindner (Gast)] Die Alpen sind ein relativ junges Gebirge, geologisch betrachtet. Daher sind die europäischen Alpen jetzt kein

00:06:26: ,464 [Robert Lindner (Gast)] Zentrum, wo evolutiv betrachtet sehr viele Arten entstanden sind, aber, und wenn man es jetzt auf einer Karte anschaut, sieht man das auch, die Alpen sind eigentlich verbunden über eine Gebirgskette, die über den Balkan, Kaukasus und so weiter bis nach Zentralasien führt. Das heißt, wir haben einerseits alpine Arten, die in diesen großen, mächtigen Gebirgsketten in Asien entstanden sind und dann sozusagen über Sprungsteinhabitate in die Alpen vorgekommen. Der Schneesperling zum Beispiel ist so eine Art, äh, dessen Verwandtschaft in Zentralasien zu finden ist und eine dieser Arten hat es auch hierher geschafft. Es gibt andere Arten, die sind tatsächlich in Europa entstanden. Das ist allerdings eine relativ überschaubare Gruppe. Da ist zum Beispiel bei den Amphibien würde mir der Alpensalamander einfallen. Typische Art, die wirklich in Europa endemisch ist, also nur in Europa vorkommt, in den Alpen, aber auch, äh, in den Balkan hinunter verbreitet ist. Und dann gibt es Arten, die ursprüngliche Bewohner der Steppenlandschaften Zentralasiens waren oder auch des hohen Nordens, arktischer Lebensräume im hohen Norden. Und da kommen wiederum geologische Zeiträume ins Spiel, nämlich die Eiszeiten. Äh, zu den Eiszeiten hat sich Europa

00:07:48: ,684 [Robert Lindner (Gast)] komplett anders dargestellt als heute. Es war zu weiten Bereichen eisbedeckt und das hat sozusagen dazu geführt, dass viele dieser arktischen Arten immer weiter nach Süden ausgewichen sind.

00:08:03: ,044 [Christine Brugger (Moderatorin)] Die Frage nach der Eiszeit oder den Eiszeiten darf ich an Gerhard Lieb weitergeben. Was ist damals in den Alpen passiert?

00:08:13: ,704 [Gerhard Lieb (Gast)] Die eiszeitliche Formung der Landschaft ist in den letzten zwei Millionen Jahren passiert. Wir, äh, gehen in der Forschung davon aus, dass vor zwei bis zweieinhalb Millionen das Klima so kalt geworden ist, dass sich Gletscher in den Alpen bilden konnten und die heute zu sehenden Formen im Umkreis des Großglockners sind im Wesentlichen seit, äh, seit dem letzten Höhepunkt der letzten Kaltzeit, der sogenannten Würmkaltzeit, entstanden. Das ist verblüffend wenig lang her, nur zwanzig bis fünfundzwanzigtausend Jahre. Und diese Prägung der Landschaft, also das Landschaftsbild mit den pittoresken Gipfelformen wie zum Beispiel dem Großglockner selbst, das ist im Wesentlichen das Werk der letzten zwanzig bis fünfundzwanzigtausend Jahre. Das heißt also, wir haben eine entscheidende Prägung in dieser Zeit und die, äh, allmähliche Erwärmung, äh, seit damals hat dann verbunden mit, dass sie nicht kontinuierlich verlaufen ist, verbunden mit Kälterückfällen, dann auch verschiedene Relikte hinterlassen, die wir in der Wissenschaft rekonstruieren und damit auch eine spannende Landschaftsgeschichte erzählen können.

00:09:27: ,744 [Christine Brugger (Moderatorin)] Solche landschaftsgestaltenden Merkmale, die auch mit bloßem Auge zu erkennen sind, sind zum Beispiel Moränen, also scharfe Kanten in der Landschaft. Wie sind die entstanden?

00:09:41: ,764 [Gerhard Lieb (Gast)] Also Moränen konkret sind Ablagerungsformen von Gletschern. Die Gletscher transportieren sehr effizient Schuttmaterial, äh, das sie zum Teil auch selbst abgetragen, also aus dem Untergrund ausgeschürft haben. Und so wie alle Prozesse, die Material transportieren und schürfen, müssen diese Prozesse dann auch irgendwo ab-abgelagert werden. Und Moränen sind eben jene Schuttformen, die von Gletschern abgelagert werden und sie erlauben uns, die frühere Ausdehnung von Gletschern auch zu erkennen. Und hier sind es wiederum die markantesten Moränen jene, die am jüngsten sind, nämlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts um 1850 hatten die Gletscher ihren letzten sogenannten Hochstand und diese Moränen sind besonders markant in der Landschaft, auch am Fuße des Großglockners, überall in den Nationalpark Hohe Tauern, aber auch überall im Hochgebirge zu sehen.

00:10:38: ,504 [Christine Brugger (Moderatorin)] Welchen Einfluss hatte der Vorstoß beziehungsweise der Rückzug des Eises letztlich auf die Arten?

00:10:46: ,224 [Robert Lindner (Gast)] Beim Rückzug dieser Gletscher gab es dann wiederum nur zwei Möglichkeiten: Mit dem Eis nach Norden gehen und mit dem Eis auch in die Höhenlagen zu gehen. Und das ist das, was in den Alpen passiert ist. Und daher haben wir Arten wie zum Beispiel das Schneehuhn, eine sehr prominente Art auch der Hohen Tauern, das jetzt in den Hohen Tauern und in arktischen Lebensräumen vorkommt. Wäre nicht vorstellbar ohne diese mehrmalige Wechsel zwischen Warm- und Kaltzeiten während der letzten Eiszeitphasen.

00:11:16: ,904 [Christine Brugger (Moderatorin)] Nehmen wir noch ein Tier, was jeder Besucher, jede Besucherin des Nationalparks Hohe Tauern vielleicht nicht sehen, aber zumindest hören wird: Das Murmeltier. Wo kommt das ursprünglich her?

00:11:29: ,404 [Robert Lindner (Gast)] Murmeltiere sind auch, äh, eine, eine Gruppe, deren Verwandtschaft in den Steppenlandschaften Asiens zu finden ist. Es gibt da Steppenmurmeltiere. Es gibt in Österreich auch eine nah verwandte Art, das Ziesel. Das ist eine viel kleinere Art. Also auch das Murmeltier ist eine Art, die evolutiv gesehen ihren Ursprung in Asien hat und über diese offenen Lebensräume in der Folge der Eisbedeckung nach dem Rückzug des Eises sind nicht sofort Wälder entstanden, sondern da gab es lange Zeit offene Steppenlebensräume, über die auch das Einwandern solcher Steppenarten bis nach Mitteleuropa möglich war. Am Schluss sind die baumfreien Lebensräume übergeblieben, in denen solche Arten überleben konnten und das waren die Hochlagen der Alpen.

00:12:16: ,574 [Musik] Musik]

00:12:19: ,293 [Christine Brugger (Moderatorin)] Neben dem Artenreichtum an Flora und Fauna der Biodiversität spielt auch die Geodiversität, die Vielfalt an Gesteinen im Nationalpark Hohe Tauern eine besondere Rolle. Dazu zählt das Tauernfenster. Warum gilt das eigentlich als geologische Sensation, Gerhard Lieb?

00:12:39: ,954 [Gerhard Lieb (Gast)] Äh, das Tauernfenster hat zwei wesentliche Besonderheiten, die es von anderen Gesteinen in den Ostalpen unterscheidet, nämlich die tektonische Zugehörigkeit zum peninischen Deckensystem und andererseits eine besondere Gesteinsvielfalt, die mit dieser tektonischen Zugehörigkeit in Verbindung steht. Äh, diese tektonische Zugehörigkeit zum Peninikum bedeutet, dass die Gesteine, ein Großteil der Gesteine, im peninischen Ozean entstanden ist, der vor größenordnungsmäßig hundert Millionen Jahren, das ist in der Kreidezeit, äh, an der Stelle der heutigen Alpen gelegen ist und die dort gebildeten Gesteine, äh, sind eigentlich aus diesem Ozean recht bekannt, ist der Gipfel des Großglockners, der ursprünglich aus einem, äh, Tiefsee-Basalt entstanden ist. Äh, es gibt aber nicht nur dieses eine Gestein, sondern es gibt ganz, ganz besonders viele Gesteine aufgrund dieser unterschiedlichen Sedimentationsräume, in denen diese Gesteine des Tauernfensters entstanden sind. Und, äh, diese Vielfalt unterscheidet, äh, das Tauernfenster von den umgebenden tektonischen Einheiten, die einfacher gebaut sind und die wirkliche Entstehung des Tauernfensters jetzt als Auftauchen aus dem Untergrund, also der Begriff Fenster deutet an, dass man quasi von höheren Einheiten auf eine tiefere Einheit hinabblickt. Also dieses Tauernfenster ist eine solche tiefere Einheit. Das geschah im Zuge der Alpenbildung in, äh, den letzten zehner Millionen Jahren und legte dann dieses tiefere Stockwerk der Erdkruste frei.

00:14:20: ,433 [Christine Brugger (Moderatorin)] Könnte man sagen, das Tauernfenster gibt uns Einblick in die letzten Millionen Jahre der Alpenentwicklung?

00:14:30: ,014 [Gerhard Lieb (Gast)] Ja, das ist so: Alle Gesteine geben Einblicke in die geologische Vergangenheit. Jeder Stein, äh, den wir in der Natur finden, erzählt eine Geschichte, äh, über die Entstehung der Erde, über die Entstehung des Reliefs, über frühere Ökosysteme, über frühere Prozesse und erschließt uns damit einen Teil der Vergangenheit der Erde.

00:14:51: ,914 [Christine Brugger (Moderatorin)] Also Steine sind nicht tote, unbelebte Materie?

00:14:55: ,914 [Gerhard Lieb (Gast)] Nein, also, äh, sie sind natürlich einerseits tote Materie, nicht, äh, wenn wir das mit klassischen Lebensbegriffen belegen, aber wir können aus den Steinen heraus auch eben interessante, äh, geschichtliche, erdgeschichtliche Entwicklungen ablesen.

00:15:17: ,274 [Christine Brugger (Moderatorin)] Kommen wir noch einmal zurück zu dem Begriff "Reise in die Arktis". Mit Arktis sind die Gletscher gemeint, die quasi nach der Eiszeit liegen geblieben sind. Es gibt aber auch wüstenähnliche Landschaften im Nationalpark Hohe Tauern, wie das Dürrenfeld in der Granatspitzgruppe. Wie mag diese wüstenähnliche Situation entstanden sein?

00:15:40: ,114 [Gerhard Lieb (Gast)] Die Entstehung dieser, äh, Sandgebiete, in der Regel handelt es sich weniger um Sand, sondern um noch feineres Material, nämlich Schluff, hängt mit den geologischen Gegebenheiten zusammen. Er ist gebunden, äh, vor allem an ein Charaktergestein des Nationalparks Hohe Tauern und das ist der sogenannte Kalk-Glimmerschiefer, der durch die Verwitterung, vor allem durch die Wirkung von Frost, sehr feinstückig zerfällt, eben zu einem regelrechten Gesteinsmehl, äh, das dann in diesen geeigneten Geländeformen liegt, gemeinsam auch mit größeren Felsblöcken, die aus der Umgebung eingetragen werden. Und es ist tatsächlich so, dass bei starkem Wind hier richtige Staubstürme entstehen können und tatsächlich an die Wüste erinnern, wobei es im Nationalpark Hohe Tauern ein ganz besonders berühmtes Ökosystem, äh, gibt, äh, das genau aus diesen, äh, Prozessen entstanden ist. Und das ist nicht das Dürrenfeld. Das ist auch sehr schön und interessant. Gibt viele solche Stellen, aber das berühmteste ist die Gamsgrube im Bereich der Pasterze, die tatsächlich mit ihrer ganz besonderen Vegetation auch ein Forschungshotspot in Bezug auf die Lebewelt in diesen sandig schluffigen Ökosystemen ist.

00:16:56: ,794 [Christine Brugger (Moderatorin)] Und unter ganz besonderem Schutz: Betreten streng verboten. Der Lebensraum in den Alpen war also nie ein stabiler, sondern immer Veränderungen unterworfen. Was waren solche Meilensteine und wo stehen wir jetzt?

00:17:13: ,646 [Robert Lindner (Gast)] Klimatisch betrachtet waren sicherlich die Eiszeiten das markante Ereignis in, in Mitteleuropa. Es wurde hier quasi über weite Flächen, wo das Eis drüber gegangen ist, Tabula rasa gemacht und danach ist es zur Neubesiedlung gekommen, mit all den Effekten, die wir gerade vorhin kurz angesprochen haben. Danach hat sich jetzt in den letzten zwanzigtausend Jahren eine, eine relativ stabile Klimasituation dargestellt, die sozusagen dieses typische Bild der Alpen und Mitteleuropas geprägt haben. Dass das nicht immer ganz hundertprozentig stabil war, wissen wir. Es gab Gletschervorstöße, der letzte zum Beispiel in den 1870er Jahren, diese sogenannte kleine Eiszeit. Also es war nie hundertprozentig stabil. Es gab ein, ein, ein Auf und Ab, was die Temperaturen betrifft. Was wir aber jetzt natürlich beobachten, ist eine neue Phase, die begonnen hat mit der Freisetzung der fossilen Energieträger, die wir vor hundert, hundertfünfzig Jahren in einem massiven Umfang begonnen haben. Und jetzt verändert sich das Klima in einer neuen Art und Weise, in einer unglaublich rasanten Art und Weise. Es wird wärmer und wärmer. Wir wissen, dass die Gletscher verschwinden, dass sie bald Geschichte sein werden. Und damit verschieben sich natürlich auch wiederum klimatische Grenzen im Hochgebirge, Waldgrenzen. Gehen nach oben. Tier- und Pflanzenarten müssen hier mitwandern, das ist auch dokumentiert, aber natürlich für manche Arten könnte es auch eng werden, weil manche Lebensräume wahrscheinlich insofern verschwinden werden, als es nach oben irgendwann in den Alpen einfach eine Grenze geben wird.

00:18:42: ,926 [Christine Brugger (Moderatorin)] Kann man sagen, wo die Arten jetzt stehen? Wie viel Ausweichmöglichkeiten sind noch vorhanden?

00:18:50: ,885 [Gerhard Lieb (Gast)] Die Gletscher geben Flächen frei, die wir Gletschervorfelder nennen und es entsteht neuer potenzieller Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Tiere sind sehr dynamisch, dieses neue gletscherfreie Land zu besiedeln. Pflanzen folgen dann etwas langsamer nach und damit ist der Gletscherschwund eigentlich für die Pflanzen durch das Entstehen dieser Gletschervorfelder als neuer Lebensräume auch etwas Positives. Auf der anderen Seite ist natürlich der Klimawandel insgesamt aufgrund dieser rapiden Erwärmung tatsächlich Gefahr für sehr viele Pflanzen, die eben, oder Tiere, die diese, äh, Dynamik der Anpassung nicht in sich tragen und daher vom Aussterben bedroht sind.

00:19:31: ,166 [Christine Brugger (Moderatorin)] Was bedeutet das für die Rolle, für die Bedeutung des Nationalparks Hohe Tauern als Schutzgebiet?

00:19:38: ,906 [Robert Lindner (Gast)] Der Nationalpark Hohe Tauern, wie ich vorher schon kurz angeschnitten hab, ist schon vor hunderten Jahren deswegen als jener Bereich ausgewählt worden, in dem man gerne ein Schutzgebiet, einen Nationalpark gründen wollte, weil er eben noch sehr naturbelassen war. Wie gesagt, nicht unberührt, aber doch weniger verändert durch den Menschen als viele andere Bereiche Europas. Und diese Rolle hat er auch heute noch. Also bei aller Bedrohung von Klimaverschiebungen, von Tourismus, von Intensivierung der Landwirtschaft, auch in den Hochlagen mittlerweile, ist es doch noch so, dass die Lebensräume in den Hohen Tauern deutlich extensiver genutzt werden, dass es hier viel größere Flächen gibt, wo es Rückzugsgebiete für Arten gibt als rund um München, wenn man das jetzt ganz grob zusammenfasst. Und diese Rolle werden sie weiterhin haben. Es wird jenes Gebiet sein, in dem viele Arten auch durch die Größe des Schutzgebiets einfach in ausreichender Zahl, in großen Populationen überleben können und hier dann vielleicht auch, wer weiß, das Klima ändert sich vielleicht auch wieder mal in eine andere Richtung, auch wiederum in die andere Richtung wandern können und von hier aus auch wiederum andere Lebensräume besiedeln können. Die Kolkraben zum Beispiel ist so eine typische Art, die vor hundert Jahren nur mehr in den Alpen halbwegs stabile Populationen hatte. Mittlerweile sind es Arten, die sich wiederum gefestigt haben und wiederum auch in die Landschaften außerhalb der Alpen zurückkehren können.

00:21:00: ,066 [Christine Brugger (Moderatorin)] Anschauen kann man sich diese Prozesse natürlich im Nationalpark Hohe Tauern. Verschiedene Lehrwege liefern spannende Informationen mitten im Schutzgebiet. Mein Geheimtipp ist der Geotrail Tauernfenster bei Heiligenblut, der einzigartige Einblicke in die Geologie der Hohen Tauern bietet.

00:21:21: ,116 [Christine Brugger (Moderatorin)] Damit verabschiedet sich Christine Brugger für heute. Danke fürs Zuhören und bis zur nächsten Ausgabe von "Aufgehorcht".

00:21:34: ,666 [Christian Brunner (Off-Sprecher)] Das war "Aufgehorcht". Ein Stück Natur für deine Ohren. Mehr davon? Entdecke alle Folgen auf hohetauern.at und auf Spotify. Oder noch besser, vorbeikommen und den Nationalpark Hohe Tauern live erleben. [Outro-Musik]

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